Der Grenzgänger

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  Rick van der Linden in einem Portrait von Ralf Hoffmann
   
 

Der Holländer Rick van der Linden lebt seit ca. 7 Jahren in Kanada, in der Nähe der Niagara-Fälle. Die Sehnsucht nach seinen beiden Kindern und fünf Enkeln hat ihn in die Ferne gezogen. „Musik ist international, üben, komponieren und arrangieren kann man überall. Da ich Instrumentalmusik mache, habe ich auch keine Sprachschwierigkeiten!“ - Sie wissen nicht, von wem ich spreche? Denken Sie mal einige Jahre zurück - klassische Musik in Verbindung mit Rock- und Jazzelementen - die holländische Superband Ekseption? Rick van der Linden, der musikalische Kopf von Ekseption meldet sich mit seiner neuen CD „Vivace“ hochmotiviert und eindrucksvoll zurück.

   
 

Rick van der Linden wurde am 5. August 1946 in Badhoeve­dorp (in der Nähe von Amsterdam) in den Niederlanden geboren. In der Familie gab es bis auf eine Ausnahme keine Berufsmusiker. Lediglich in der Verwandtschaft der Mutter gab es einen Musikprofessor, der auch Theoriebücher verfasste. Den ersten Klavierunterricht erhielt Rick im Alter von 11 Jahren bei einem Klavierlehrer in Rotterdam. Die Mutter legte jedoch großen Wert auf Leis­tungsfortschritte und erwartete von ihm eine tägliche Übungszeit von einer halben Stunde. Dies gefiel dem Jungen überhaupt nicht, er wollte nicht unter Zwang spielen und beendete deshalb nach einem Jahr den Unterricht. Die Konsequenz daraus war allerdings, dass das Klavier zu Hause abgeschlossen wurde. Das passte Rick jedoch auch nicht. Mit 13 Jahren begann er (auf eigenen Wunsch) wieder mit dem Klavierunterricht und zwar am Gymnasium. Die Familie war in der Zwischenzeit nach Haarlem verzogen, wo Rick das Triniteis-Lyceum besuchte. Ab dem 15. Lebensjahr erhielt er eine klassische Klavierausbildung an der Hochschule für Musik und zwar bei deren Direktor, Piet Vincent. Dessen Schwester Jo Vincent war übrigens in den 40iger Jahren eine berühmte Sopranistin, die auf der ganzen Welt konzertierte.

Nach dem Abitur studierte Rick van der Linden (ab dem 17. Lebensjahr) am Konservatoriun in Haarlem bei Aad Broersen und Albert de Klerk. Während des Studiums begegnete er auch den Musiktheoriebüchern seines Onkels, musste daraus lernen („...ich habe das Buch gehasst und erst später erfahren, dass es von meinem Onkel geschrieben wurde. Das war ganz witzig...“). Mit knapp 19 Jahren (also bereits 2 Jahre später) schloss er, dank seiner besonderen musikalischen Leistung, sein Musikstudium ab. Die normale Studiendauer bis zum Staatsexamen hätte 5 bis 6 Jahre betragen! Die theoretischen Fächer erledigte er ebenfalls im Handumdrehen („...das war nur reine Lernarbeit. Wir waren eine Gruppe Studenten, die dafür nicht 5 Jahre verschwenden wollte. Wir haben uns zusammengetan und auch das in 2 Jahren abgeschlossen...“). 1967 legte Rick van der Linden das Examen an der bekannten Königlichen Hochschule für Musik in Den Haag ab, mit Abschlüssen in Klavier, Kirchenorgel, Harmonielehre und Kontrapunkt.

Unmittelbar nach dem Staatsexamen wurde er Lehrer für die o.a. Fächer an der Hochschule in Den Haag, trat mit Klavierkonzerten an die Öffentlichkeit, arbeitete mit bekannten Orchestern zusammen. Im Rock- und Jazzbereich entwickelte er seine Fähigkeiten autodidaktisch fort. Die Hochschulen hatten in jener Zeit noch deutliche Vorbehalte gegen die Popular­musik. Leicht konnte es geschehen, dass jemand, der sich dieser Musikrichtung zu offen zugewandt hatte, das Studium nicht fortsetzen durfte und die Hochschule verlassen musste. Man sollte besser die Finger von Herrn Beethoven lassen...

Rick van der Linden hatte mehr Glück - der Direktor der Hochschule stimmte zu, dass Rick sich auch auf anderen Stil-Gebieten fortbildete. Van der Linden ist überzeugt, dass Bach oder Beethoven, würden sie in der heutigen Zeit leben, auch alle modernen Instrumente für ihre Musik verwenden würden. Bei der Bearbeitung von klassischer Musik erwartet er allerdings auch einen gewissen Respekt vor dem thematischen Material. Bearbeitungen sind ja nichts Neues oder außergewöhnliches - selbst klassische Komponisten haben schon Themen anderer Komponisten verwendet und variiert.

Rick van der Linden erlernte die moderne Musik in der Praxis, von der Rockmusik bis zum Jazz. Er musizierte in Bars, machte Tanzmusik, spielte Oldies aus den 40er- und 50er-Jahren, gründete seine eigene Jazzband. Rick: „Das ist auch eine Frage der musikalischen Weitsicht. Jede Musik hat ihren ganz eigenen Stellenwert. Wenn man diesen nicht kennt oder fühlt, muss man den betreffenden Stil in der Praxis ausprobieren, üben, Platten hören, mit anderen Musikern spielen, Jam-Sessions machen, in Jazzclubs gehen, Soli transkribieren etc., um seine Bedeutung kennen zu lernen, um zu erfahren, wie wertvoll die Musik ist. Das habe ich mit allen möglichen Stilen von Musik gemacht. Zu jener Zeit gab es für die modernen Stile noch keine Lehrer, man musste alles selber machen. Unterricht gab es nur für Bach, Beethoven etc. Damals war ich von vielen holländischen Pianisten und Musikern begeistert. Ganz besondere Bedeutung hatten für mich, neben Duke Ellington, Miles Davis, Jimmy Smith und Jimmy McGriff die Jazz-Legenden John Coltrane und Oscar Peterson. Im Hammond-Bereich war auch Keith Emerson (damals mit der Gruppe Nice) besonders interessant, der z.B. ein Brandenburgisches Konzert von J.S. Bach modern interpretiert hatte.“

Nachdem er erfolgreich in diversen Combos und Bands mitgewirkt hatte, stieg Rick 1968 als neuer Keyboarder bei einer der später erfolgsreichsten Bands auf dem europäischen Kontinent ein - Ekseption. Die Band hatte sich aus der Gruppe ‚The Jokers’ entwickelt, die bereits seit 1958 unter der Leitung des Jazztrompeters Rein van den Broek bestand. Im Ursprung war die Formation eine reine Cover-Band mit Sänger gewesen. Das änderte sich nun. Die Band hatte auf einem Jazzfestival einen Plattenvertrag mit der Firma Philips gewonnen. Da bisher niemand in der Band komponiert hatte, war anfangs gar nicht klar, welche Stücke auf der Platte sein sollten, vielleicht Schlager von Bix Bleiderbecke aus dem Jahr 1928? Die ersten Aufnahmever­suche waren schlichtweg entmutigend.

Schließlich wurde Rick van der Linden gebeten, einige Stücke zu schreiben. Er ließ sich dabei stilmäßig durch die Band Nice inspirieren. Deren Synthese von Pop und Klassik war für die sechs Ekseption-Musiker faszinierend. Rick van der Linden hörte Nice live in Rotterdam, war neben der Musik auch von der bekannt exzessiven Show Keith Emersons begeistert. Nach dem Nice-Konzert war er sich sicher: das kann ich auch! Einige Wochen nach dem Nice-Konzert erhielt Eksep­tion die Einladung, mit einem der bekanntesten Sinfonieorchester Hollands, dem Nordholländischen Philharmonischen Orchester, bei einem großen Festival in Haarlem zu konzertieren. Für das gemeinsame Konzert bearbeitete der damals 22-jährige Rick van der Linden mehrere klassische Stücke, u.a. ein Motiv aus Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie. Einige Wochen vor dem Konzert erfuhr die Band jedoch, dass sich das Orchester weigerte, mit einer Popgruppe aufzutreten. Dieser Teil des Festivals musste somit entfallen, aber Ekseption hielt an der Grundidee fest und beschloss, das Beethoven-Arrangement unter dem Titel „The 5th“ auf ihrer ersten Platte zu verwenden.

Anfangs lief die Klassik-Rock-Mischung überhaupt nicht gut. Tinneke, die Frau des Ekseption-Plattenproduzenten war jedoch als DJ bei der bekannten holländischen Rundfunkstation Veronika beschäftigt. Jeden Morgen um 11 Uhr unterhielt sie die Hörer für eine Stunde mit Plattenaufnahmen. Monatelang legte sie täglich die Ekseption-Platte „The 5th“ auf und - steter Tropfen höhlt den Stein - nach 3 Monaten stand die Scheibe in der Hitparade. Die Platteneinspielung von „The 5th“ entwickelte sich zum Riesenerfolg - sie war 7 Wochen in den Top Ten der holländischen Hitparade zu finden und sorgte auf diese Weise für Ruhm und Anerkennung von Ekseption. Dieser erste große Plattenerfolg bestimmte auch die weitere Stilrichtung der Formation. Eine Langspielplatte wurde in der Besetzung Rein van den Broek (Trompete), Rick van der Linden (Piano, Orgel, Dulcimer), Rob Kruisman (Altsaxofon, Tenorsa­xofon, Flöte, Gitarre, Gesang), Huib van Kampen (Sologitarre, Tenorsaxofon), Cor Dekker (Bassgitarre) und Peter de Leeuwe (Schlagzeug, Gesang) produziert. Rick van der Linden arrangierte dafür wie am Fließband. Sobald ein Song fertig war, wurde er im Studio aufgezeichnet. Trotzdem zog sich die Produktion über ein dreiviertel Jahr hin. Sie enthielt neben Originaltiteln auch zahlreiche Popbearbeitungen von klassischen Stücken (Sabre Dance, Air, Ritual Fire Dance, Rhapsody in Blue, Danse macabre opus 40).

Auch die darauf folgenden Tonträger enthielten stets moderne Versionen von den unterschiedlichsten „klassischen“ Komponisten (Albinoni, Bach, Rachma­ninoff, Tschaikowski, Rimskij-Korsakow...). Relativ originalgetreu gespielte Passagen mischten sich mit modernen Stilelementen und jazzartigen Improvisationen. Nachdem die Band 1968 zum ersten Mal beim Loosdrecht Festival (dem damals größten Festival in den Niederlanden) aufgetreten war, begannen sich die Räder des Erfolgs für Rick van der Linden und Ekseption immer schneller zu drehen, die Band erlangte Weltruhm und Ricks Bedeutung für die Band wuchs ständig an. Es gab Wechsel in der Bandbesetzung, da einige Mitglieder mit dem veränderten Musikstil und Ricks veränderter Position in der Band nicht klar kamen. Rick produzierte den Erfolg, war das einzige Bandmitglied mit Musikhochschulab­schluss, sprach 4 Sprachen (holländisch, deutsch, englisch, französisch), wurde dadurch zum idealen Ansprechpartner für die Presse. Journalisten wandten sich in der Regel an ihn und nicht an die übrigen Ekseption-Mitglieder. Van der Linden war 24 Stunden am Tag mit Ekseption beschäftigt (Auftritte, Presse, Arrangieren/Komponieren...), die anderen Bandmitglieder investierten wesentlich weniger Zeit - eine Situation, die so nicht geplant war, sich aber mit der Zeit verselbst­ständigte.

Zudem war die Soundauswahl mit den analogen, monophonen Synthesizern wesentlich komplizierter und aufwendiger als mit den heutigen Sample-Keyboards. Für einen Piano-Sound z.B. war ein eigenes Keyboard nötig, ebenso für die Streicher, für Chöre, Cembalo usw. Wollte man mehrere Synthesizer-Klänge gleichzeitig, benötigte man auch mehrere Synthesizer. Bald türmten sich die Manuale um den Keyboarder, verschafften ihm auch auf der Bühne eine optisch-dominante Position. Einige OKEY!-Leser erinnern sich sicherlich noch an die riesigen Keyboard-Türme die bei den Ekseption-Auftritten zum Einsatz kamen. Rick van der Linden verwendete auf der Bühne bis zu 24 Keyboards und Synthesizer gleichzeitig, in 3 Blöcke eingeteilt. Sein Equipment war stets „state of the art“: Pianos, 2 Hammond-Orgeln, Spinett, 2 Mello­trone, ARP-Synthesizer, Yamaha GX1 („die Wundermaschine“), Stringsensemble, Clavinet... Für die Plattenaufnahmen wurden zusätzlich Original-Pfeifenorgeln aufgenommen. Rick fühlte sich auf der Bühne, nach eigenen Worten, immer ein bisschen wie im Flugzeug-Cockpit: „Ich musste zwar alles immer vorher programmieren, aber wenn ich mit der rechten Hand 2 Takte Pause hatte, spielte ich links weiter, stellte rechts meinen Synthesizer um, dann spielte ich rechts auf Keyboard Nummer vier weiter, stellte links das nächste Instrument ein, und so weiter. Es war wie im Flugzeug, die Situation erforderte stets höchste Konzentration und Perfektion! Erst wenn die ganze Bedienung verinnerlicht war, konnte ich mich voll auf die Musik konzentrieren. Das war unheimlich viel Arbeit früher!“

Ausgedehnte Tourneen führten Ekseption rund um die ganze Welt, u.a. bis nach Israel und Japan. Der Erfolg war gigantisch. Nur zwei Märkte ließen sich nicht erobern: England und Amerika. Es gab zwar eine kurze Tournee durch Kanada, Gigs in englischen Clubs, Fernsehauftritte, aber es war nichts zu machen - diese Märkte blieben verschlossen. Vielleicht war der Markt für Klassik-Rock in diesen Ländern damals noch nicht offen genug.

Ekseption arbeitete mit verschiedenen Orchestern (Royal Phil­harmonic Orchestra London, Nationales Symphonieorchester Schweden) und ihr Album „Beggar Julia’s Time Trip“ wurde mehrfach ausgezeichnet. In den USA gab es dafür vom Jazz-Magazin „Down Beat“ mit viereinhalb Sternen die fast höchstmögliche Wertung, in Holland wurde das Album mit dem Edison Award ausgezeichnet. Ekseption war auf den wichtigsten Bühnen der Welt zu Gast, wie z.B. im Olympia in Paris, in der Hamburger Philharmonie oder im Palladium in London. Rick van der Linden schrieb und produzierte die Musik zum französisch/italienischen Spielfilm „Fantasy Chez Les Ploues“ mit Alain Delon und Catherine Deneuve in den Hauptrollen, sowie zum holländischen Film „Night of Doom“.

1973 trennte sich Rick van der Linden von Ekseption. Die Trennung ging nicht ohne Probleme über die Bühne, brachte die Band 1974 bis vor das Gericht. Van der Linden: „Die Band versuchte, mich los zu werden, wollte mit einem anderen Keyboarder arbeiten, was mir natürlich nicht gefiel - ich wollte mich nicht mit 2,50 DM abspeisen lassen. Schließlich hatte ich die ganzen Jahre die komplette Musik für Ekseption komponiert und arrangiert. Es konnte nicht sein, dass ein neuer Musiker von dem profitierte, wofür ich viele Jahre gearbeitet hatte. Es kam zum Streit um den Namen Ekseption. Ich war dann bereit, mich von der Band zu trennen, wollte aber eine neue Gruppe gründen und den Namen Ekseption benützen. Wir konnten uns nicht einigen und so musste eine richterliche Entscheidung herbei geführt werden. Die Geschichte erregte damals auch in der Presse ziemliches Aufsehen, denn es war das erste Mal, dass in Holland eine Band vor den Richter zog. Der gesamte Rechtsstreit zog sich über 4 Jahre hin.“

Die Band machte unter dem Namen Ekseption weiter, allerdings mit einer neuen Art von Musik, die beim Publikum jedoch nicht ankam, weil der Name Ekseption zu eindeutig mit der Musik und Stilistik von van der Linden verbunden war. Ein Wechsel des Bandnamens erbrachte auch keine Änderung und ein Jahr später löste sich die Band auf - das Publikum war nicht interessiert... Zwischen den Bandmitgliedern und van der Linden herrschte (verständlicherweise) für einige Jahre erst einmal „Sendepause“ - man war nicht gut auf einander zu sprechen!

Durch van der Lindens Gründung des Klassik-Rock-Trios Trace (Keyboards - Rick van der Linden, Bass - Jaap van Eyck, Drums - Pierre van der Linden, Ex-Mitglied der Gruppe Focus) entstand 1973 außerdem eine gewisse Konkurrenzsituation zur noch bestehenden Band Ekseption. Rick arbeitete mit Trace bis 1977. Beide Bands, Ekseption und Trace, gewannen übrigens auch zahlreiche internationale Preise: die Edison Trophy (in den Niederlanden), den Großen Preis von Montreux, Le Trofée le Metier und La Rose d’Or in Antibes.

Trotz der Probleme hörte Ekseption aber nie auf zu existieren. 1978 begegnete Rick zufällig dem Ex-Ekseption-Mitglied van den Broek, es kam zur großen Aussprache und Bereinigung der Spannungen, man vertrug sich wieder. Ab 1978 absolvierte Rick erneut etliche Tourneen mit Ekseption (u.a. 1978, 1980 und 1989). Immer wieder gab es Anlässe, die Band auf die Bühne zu holen, die vorerst letzte Eksep­tion-Tournee fand in der Original-Besetzung 1995 in Deutschland statt. Im „normalen Leben“ gehen die Musiker natürlich ihre eigenen Wege. Um die Band zusammenzubringen, ist jedes Mal ein großer Organisationsaufwand nötig: Abgleichung der Terminpläne, Tourneeplanung, Equipment zusammenstellen, Proben... Ohne Sponsoren ist dies fast unmöglich. Zudem stellt die Band auch hohe künstlerische Ansprüche an sich selbst, das Live-Niveau darf niemals unter dem Niveau des Tonträgers liegen!

Van der Linden veröffentlichte zahlreiche Solo-Alben, wurde immer wieder eingeladen, an Produktionen bekannter Popstars mitzuwirken. Er arbeitete u.a. mit Jan Akkerman, Vangelis und Chris Hinze. Mit dem rumänischen Panflöten-Virtuosen Catalin Tirkolea entstanden Aufnahmen mit Kirchenorgel. Gern erinnert Rick sich an die Zusammenarbeit mit den Deep Purple-Mitgliedern Jon Lord, Ian McGillan und Roger Glover: „Ich wurde auf der MIDEM in Cannes von einer deutschen Plattenfirma nach England zu einer großen Recording-Session mit Deep Purple eingeladen. Aus dem entstandenen Material wurden dann die Stücke für eine Platte ausgewählt. Die Zusammenarbeit war sehr interessant. Mit Phil Collins habe ich übrigens auch gearbeitet. Wir haben zusammen eine Platte im ehemaligen Haus von John Lennon in Ascott bei London eingespielt. John Lennon hatte das Haus gerade an Ringo Starr verkauft, dem ich dort auch begegnet bin. Wir machten eine Single-Aufnahme mit einer Bearbeitung des Trompetenkonzerts von Joseph Haydn. Die Platte wurde von dem berühmten Jack Lancaster produziert. Jack war nicht nur Produzent, sondern auch Saxofonist, hat u.a. mit Joe Cocker gearbeitet, bei dessen Tour ‚Mad Dogs And Englishmen’ nach dem Wood­stock-Festival die Bläsersektion geleitet.“

Insgesamt veröffentlichte Rick van der Linden bis heute 54 Tonträger, die über 6 Mio. verkaufte Exemplare verzeichnen konnten. Er erhielt elf mal Gold, zwei mal Platin und einmal Diamant für seine Platten. In den Niederlanden hatte Rick zusammen mit Robbie van Leeuwen und der Band Mistral drei Charthits. Er war in Holland der erste Musiker, der mit Synthesizern arbeitete. Seine Kenntnisse und Erfahrungen befähigten ihn, internationale Meisterklassen zu leiten. In Zusammenarbeit mit Yamaha gingen daraus drei Europameister und der erste holländische Weltmeister (beim Hauptfestival in Tokio) hervor.

Rick van der Linden ist nach wie vor in allen Stilbereichen zu Hause, doch er fühlt sich immer mehr zur klassischen Musik hingezogen, übt täglich Klavier und Orgel. Die Klänge des Cembalos liebt er sehr. Er besitzt sogar ein kleines einmanualiges Original-Virginal aus dem 15. Jahrhundert. Ricks Frau ist Sopranistin und hat ebenfalls großes Interesse an Barockmusik, teilt damit die „barocke Liebe“ ihres Ehemanns. Das Ehepaar steht immer wieder zusammen auf der Bühne, ihr Lieblingsstück heißt: „Bist du bei mir“ von Johann Sebastian Bach.
Nach wie vor komponiert und arrangiert Rick van der Linden sehr viel, gibt zahlreiche Konzerte im Ausland. Dabei arbeitet er mit 4 bis 6 Synthesizern, Samplern, spielt live zu den vorbereiteten Sequenzen. Dieses Equipment ermöglicht ihm ein rationelles Arbeiten auf der Bühne. Eine Büh­nenshow mit lauter Live-Musikern wäre fast nicht mehr zu organisieren und zu finanzieren. Doch sein musikalisches Hauptaugenmerk liegt immer mehr beim Klavier und bei der neuen Johan­nus-Orgel.

Neben seinen Auftritten hat Rick van der Linden in den letzten Jahren eine Menge neues Material geschrieben. Nun legt er seinen neuesten Tonträger vor: „Vivace“. Die CD wurde in Zusammenarbeit mit der Orgelfirma Johannus (Co-Produzent: Dirk G. Koudijs) und dem Label Sony in Holland produziert. Johannus beliefert die Buchhandlungen und evangelischen Geschäfte mit der CD, Sony sorgt für den weltweiten Vertrieb über den Musikfachhandel.

Rick van der Linden kann auf einen langen Kontakt zu Johannus zurückblicken. Johannus war die erste holländische Orgelfirma, die vor über 10 Jahren eine akzeptable Sample-Kirchenorgel auf den Markt gebracht hat. Es ist nur zu verständlich, dass Rick an diesen Instrumenten sehr interessiert war. Auf seinen früheren LPs/CDs waren immer wieder Kirchenorgelklänge zu hören, die von richtigen Pfeifenorgeln stammten. Der Aufwand für diese Aufnahmen war stets ungeheuer hoch: Die Recording-Sessions mussten immer bei Nacht stattfinden, damit die Umweltgeräusche (Straßenverkehr, Flugzeuge...) möglichst leise waren; die Studiotechnik musste in die Kirche gebracht werden usw. Die digitalen Kirchenorgeln brachten hier eine spürbare Erleichterung für die Plattenaufnahmen.

Für die neue CD hat Rick fast ein Jahr in Kanada gearbeitet: Komponieren, Arrangieren, Üben, welche Register verwende ich... Es entstanden zahlreiche neue Arrangements, einige ältere Titel wurden überarbeitet und fanden ein völlig verändertes Image (neue Instrumente, neue Variationen...). „Vivace“ enthält somit eine äußerst gelungene und faszinierende Mischung aus alten und neuen Stücken im Ekseption-Stil (u.a. Toccata und Fuge in d-moll, Menuett aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, Air, Italienisches Konzert, Bist du bei mir, Siciliano, Ave Maria, Badi­nerie). Rick van der Linden konnte dabei auch auf einen breiten Fundus eigener Arrangements aus den vergangenen 30 Jahren zurückgreifen. Die besten Stücke wurden für die CD ausgesucht. Einen weiteren Anreiz bot für ihn der 250. Todestag von Joh. Seb. Bach (1685 - 1750). Aus diesem Anlass sollte eine reine Bach-CD entstehen, mit lauter van der Linden-Bearbeitungen für Kirchenorgel. Rick wollte an die Grenzen gehen, sehen und hören, was von Bach mit zwei Händen und zwei Beinen interpretierbar ist.

Nachdem die Vorarbeit geleistet war, suchte Rick van der Linden Kontakt zu Johannus (Dirk Koudijs), begeisterte ihn für das Album. Koudijs nahm auch Kontakt zu Sony, eine der größten Gesellschaften der Welt, auf. Der Sony-Vertreter zeigte sich ebenfalls äußerst interessiert, informierte sich über Ricks Pläne und aus einer geplanten CD entstand schließlich ein 3-Jahres-Plattenvertrag über mehrere Alben. Es gibt Pläne z.B. für die „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi, die Matthäus-Passion von Bach, natürlich in van der Linden-Arrangements, die ab Herbst 2001 entstehen sollen. Die Fans dürfen also ab 2002 auf weitere Veröffentlichungen hoffen.

Die Zusammenarbeit über längere Zeit mit einem einzigen Label ist für den Musiker eine neue Erfahrung: „Ich habe bisher wirklich viele Tonträger auf vielen verschiedenen Labels veröffentlicht, mit Ekseption, solo, in Zusammenarbeit mit anderen Bands und Musikern. Ich war immer nur an einem Vertrag für ein Album interessiert, um musikalisch frei zu sein, um mit denjenigen Leuten zusammenarbeiten zu können, mit denen ich das wollte. Aber jetzt war es für mich an der Zeit, mich vertraglich an eine große Schall­plattenfirma zu binden. Der finanzielle Hintergrund einer großen Gesellschaft ist größer, die Marketing-Möglichkeiten sind wesentlich besser. Für meine neue CD wird es beispielsweise auch Fernseh-Werbung in Holland geben. Marketing ist heute genauso wichtig wie eine sehr gute musikalische Leistung! Man kann durch exzessives Marketing und viel Geld aus einer schlechten Platte einen Hit machen und man kann aus einer hervorragenden Produktion ohne Marketing einen Flop produzieren.“

Rick van der Linden spricht sehr enthusiastisch über die neue Johannus Sample-Orgel „Monar­ke“: „Als Organist mit vielen Jahren Erfahrung kann ich sagen, dass sich die neuen Sample-Sounds wirklich nicht mehr vom Originalklang unterscheiden. Ich sage immer: Die Orgel klingt dreimal so phänomenal wie die Orgel in Notre Dame. Alle Kirchenorgelklänge der ‚Vivace’-CD stammen von der Monarke. Bei der Aufnahme haben wir einen enorm großen Aufwand betrieben, um auch einen überzeugenden Raumklang zu erhalten. Alle Melodien der Orgel wurden mit dem Computer (zunächst mit irgendeinem Sound) aufgezeichnet. Dann wurde die Monarke in einer Kirche installiert, die zahlreichen Lautsprecher des Instruments mit Richtung zur Decke auf den Kirchenboden gelegt. Der Computer spielte die vorbereiteten Sequenzen ab und über zehn Mikrofone in unterschiedlichster Raumhöhe wurde der Klang dann aufgenommen. Durch die Einbindung des Computers hatten wir via MIDI auch noch die Möglichkeit, mit den Registrationen zu experimentieren, ohne die Sequenz ändern zu müssen.“

Van der Linden macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Möglichkeiten der aktuellen Synthesizer und Computer zwar faszinieren, dass ihn aber der damit verbundene Bedienungs- und Zeitaufwand sehr stört. Die Computerbedienung überließ er aus diesen Gründen gerne den Fachleuten. „Es ist schon schwierig genug, meine Synthesizer zu programmieren - aber da kenne ich mich aus. Die Computertechnik geht mir zu weit, die überlasse ich lieber den Spezialisten. Man muss nicht alles selber machen. Gut zu spielen, ist für mich das Wichtigste. Für die Programmierung habe ich geeignete Leute.“

„Vivace“ ist aber keine reine Solo-Produktion. Bei der Einspielung waren für Chor, Streicher, Schlagzeug, Bass, Panflöte, Dudelsack, Saxofon, Gitarre etc. hervorragende holländische Live-Musiker verantwortlich. Schon das Äußere der CD erregt Aufmerksamkeit - der Silberling ist in einer exklusiven, runden „1 Euro“-Blechbox mit der typischen Prägung (Europa-Silhouette, Euro-Schriftzug, 6 Sterne) untergebracht. Eine äußerst geschmackvolle und attraktive Verpackung - für viele Sammler sicherlich ein „Objekt der Begierde“. Ebenso ungewöhnlich ist die weltweite Werbeidee zur neuen CD: Der Tonträger wird in den Geschäften in einer großen Orgelpfeife präsentiert. Die CD findet im Inneren der Pfeife Platz und kann durch die Kernspalte entnommen werden.

Für den Herbst stehen zahlreiche Fernsehtermine und eine Promotion-Tour auf dem Programm. Zu diesem Zweck soll auch eine Band plus Chor und Orchester zusammengestellt werden, um Live-Auftritte zu ermöglichen. Einige Konzerte sind auch für Deutschland im Gespräch. Für kleinere Konzerte, z.B. in Kirchen, könnten der Chor und das Orchester auch durch einen zweiten Key­boarder ersetzt werden, um die Kosten im Rahmen zu halten. Rick van der Linden ist voller Pläne - der Erfolg gibt ihm Recht!

   
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