Unforgettable

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  Mark Shakespeare in einem Portrait von Ralf Hoffmann
   
 

Am 28. September 1996 verstarb viel zu jung der englische Organist Mark Shakespeare. Der sympathische Virtuose, musikalisch stets perfekt und bestechend in der Präsentation, bleibt auch fünf Jahre nach seinem Tod unvergessen.

   
 

Der „Engländer mit dem verpflichtenden Namen“ (kein Künstlername) wurde am 21. August 1963 in Wardle/Lancashire (in der Nähe von Manchester) geboren. Im Alter von 6 Jahren zog Mark Jason Kevyn Shakespeare (so sein voller Name) mit seinen Eltern Mike und Barbara sowie seiner jüngeren Schwester Jane nach Marple in Cheshire. Schon im Kleinkindalter war er von Musik total fasziniert, bewegte sich dazu und tanzte zu rhythmischen Melodien. Sobald er an die Tastatur heranreichte, zeigte sich seine Begabung für das Klavier. Zur Zeit des Umzugs nach Cheshire war Mark (an seinem Alter gemessen) bereits ein tüchtiger Pianist. Seine Mutter trat bei vielen Veranstaltungen auf - sie war eine professionelle Ballerina mit einem Abschluss der Royal Ballet School. Kurz nachdem die Familie nach Marple gezogen war, übernahm sie den Bereich Tanz, Bewegung und Choreografie an der Brayside International School of Theatre and Arts. Während seiner gesamten Kindheit war Mark deshalb stets von Musik und Theateraktivitäten umgeben. Ständig gab es Konzerte, Shows und Musicals mit großen Orchestern, Tanzaufführungen wurden geplant, man besuchte Proben und Aufführungen im Theater oder Fernsehen - Mark lernte ein ungeheuer großes Spektrum an Musik kennen und fand verständlicherweise starke Unterstützung in seiner Familie. Barbara und Mike Shakespeare verstanden es offensichtlich hervorragend, ihren Sohn zu motivieren.

Marks offizielle musikalische Ausbildung begann im Alter von 6 Jahren mit Klavierunterricht bei Mary Price an der Avonica Music School. Mark: „Üben und Musik studieren bedeutete für mich niemals Arbeit, ich machte es wirklich gerne und war glücklich, Hobby und Beruf miteinander verbinden zu können. Meine Eltern hatten nicht das Problem, mich zum Üben bringen zu müssen - genau das Gegenteil war der Fall, sie mussten mich richtig vom Klavier weglocken, damit ich andere Dinge tat (z.B. um zu schlafen...). Bereits mit 12 Jahren hatte ich offizielle Klavierabschlüsse in Theorie und Praxis. Offensichtlich war ich für viele Jahre der einzige Schüler, der so etwas in diesem Alter erreicht hatte. Das National College zeichnete mich dafür mit einer Goldmedaille und einem Ehrendiplom mit Mütze und Talar (‚cap and gown’) aus.“

Mark hatte sich schon immer für alle möglichen Arten von Musik interessiert und gründete im Alter von etwa zwölf Jahren seine erste Band. Seine Vorliebe für orchestrale Musik, das Suchen nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, das Arrangieren und Dirigieren lösten seine Faszination für die elektronische Orgel und die Synthesizer aus. Es erschien ihm einfach faszinierend, die musikalische Kontrolle über so viele Instrumente in einem einzigen Instrument vereint zu haben! Er war sich sicher, in einer musikalisch faszinierenden Ära zu leben. Die Möglichkeit, ein Sinfonieorchester, einen Chor, diffizile Soloinstrumente, eine Percus­sion-Section etc. einfach per Knopfdruck abzurufen, beschert den heutigen Musikern musikalische Ausdrucksmöglichkeiten, von denen die früheren Komponisten und Musiker nur träumen konnten! Nachdem Marks Band zahlreiche Dance-Events gespielt und etliche Künstler begleitet hatte, wurden die Bandmitglieder ge­beten, bei der umfangreichen Produktion der Rockoper „Smike“ für die Musik zu sorgen. Der Auftrag beinhaltete auch, dass Mark Arrangements schrieb und das Orchester dirigierte - und zwar im Stockport County Football Stadium vor tausenden von Leuten. Auch Queen Elizabeth und Prinz Philip waren anwesend - die Veranstaltung war ein Teil der Feierlichkeiten anlässlich des „Silver Jubilee“ der Queen.

Mit elf Jahren machte Mark Shakespeare Bekanntschaft mit der klassischen Kirchenorgel, sang auch leidenschaftlich im Kirchenchor. Nach dem ersten Kontakt zur Kirchenorgel entwickelte sich bei ihm eine wahre Leidenschaft für dieses Instrument - er war vom Klang, von den Bedien­elementen und den Spielebenen äußerst beeindruckt und erlernte das Kirchenorgelspiel quasi im Handumdrehen - es war offensichtlich Zeit, sein Leben und seine zukünftige Karriere in die richtigen Bahnen zu lenken. Im Alter von zwölf Jahren zeichnete Mark seine erste Radiosendung auf und zwar bei einer wöchentlichen Orgelmusik-Sendereihe der BBC (Radio Manchester), genannt „Pedals, Percussion and Pipes“. Die Sendung wurde von dem in England äußerst populären Moderator und Journalisten Alan Ashton präsentiert. Sie öffnete für Mark die Türen zu zahlreichen weiteren Sendungen mit der BBC, sowie zu anderen kommerziellen Radiosendern. Er gewann einen nationalen Talentwettbewerb und trat im berühmten Londoner Palladium auf. Kurz nach seinem 13. Geburtstag qualifizierte er sich für das London College Of Music und mit 15 gewann er mehrere Preise für das Erreichen der höchsten Punktzahl in den verschiedensten Fächern. Er studierte an der Royal School of Church Music (königliche Schule für Kirchenmusik) klassische Orgel und Gesang und machte sein Diplom als „Head Choris­ter“ (Kirchenchorleiter).

Bald wurde ihm eine Stelle als Kirchenchorleiter an der berühmten Rossall Public School in Flett­wood, Lancashire, angeboten. Er ergriff die Gelegenheit und verbrachte daraufhin fast 24 Stunden täglich mit Musik. Neben seinen Studien an der Kirchenorgel beschäftigte er sich mit Harmonielehre, Kontrapunkt und Arrangement. Später gelang es ihm, von Marion Lowe unterrichtet zu werden, einer Sopranistin der Sadler’s Wells Opera Company. Mark war jedoch auch an moderner Musik interessiert und studierte Jazz, zeitgenössische Musik und Musikwissenschaft bei Charles Smit­ton (zu jener Zeit ein äußerst bekannter Fernsehmusiker bei der BBC).

Um sein Showtalent zu festigen und seine Präsentation auf der Bühne zu perfektionieren, studierte der Orgelvirtuose an der Bray­side International Stage School. Er wollte nicht nur musikalisch, sondern auch showmäßig professionellen Ansprüchen genügen. An dieser Schule gab es zahllose Gelegenheiten für Vorstellungen, Auftritte, Schauspiel, öffentliche Ansprachen; außerdem erhielt man gute Einblicke in das Unterhaltungsgeschäft, lernte Medien- und Produktionsaspekte kennen - Mark gewann unschätzbare Erfahrungen. Der Schulleiter verlieh ihm die Ehrenmitgliedschaft, worauf Mark Shakespeare besonders stolz war. Wann immer es seine knapp bemessene Zeit zuließ, kehrte er an die Schule zurück und wirkte bei Aufführungen, in Kursen und als Gesangslehrer.

Im Alter von 16 Jahren hatte Mark bereits eine ganze Anzahl von Musikwettbewerben gewonnen. Ken Jones, geschäftsführender Manager von Electro Voice Ltd. und Importeur für Wersi-Orgeln in England, wurde auf ihn aufmerksam und bot ihm an, die Instrumente der Firma zu präsentieren. Mark willigte ein, zog von zu Hause aus und wohnte künftig bei Ken und Betty Jones in London, welche ein Tonstudio in ihrem Haus installiert hatten, wo Mark ungestört und intensiv arbeiten konnte. Zur gleichen Zeit erhielt er seinen ersten Schallplattenvertrag und startete damit seine internationale Karriere. Ihm gelang damit „a great deal“ in der Musikwelt, denn schnell wurde er durch seine Konzerte auf den Wersi Helios- und Galaxis-Orgeln in ausverkauften Häusern in ganz Großbritannien bekannt.

An seinem 18. Geburtstag gab er ein umjubeltes Konzert an der Wersi Helios im berühmten Londoner Barbican Centre (mit ca. 6000 Zuhörern!) und wurde live von Brian Mathews interviewt, der beim BBC National Radio für über ein Vierteljahrhundert so etwas wie eine nationale Institution darstellte. Die musikalische Presse wählte Mark zur Nummer eins in der Kategorie „The International Organ Personality of the Year“ („Orgelpersönlichkeit des Jahres“) und in der Sparte „Best Elec­tronic Organ Record“ („Bestes elektronisches Orgel-Album des Jahres“). Diese Auszeichnungen waren weitere Höhepunkte seiner Laufbahn. Sein kometenhafter Aufstieg an die Weltspitze war das Ergebnis seiner harten Arbeit und für Mark zugleich Bestimmung und Verpflichtung für jeden Aspekt seiner musikalischen Arbeit und seiner Auftritte. Sein Bemühen um Perfektion kam nie zum Stillstand. Diese Einstellung gekoppelt mit gewissenhafter Sorgfalt bis ins Detail war wirklich phänomenal. Mark kontrollierte sich z.B. selbst am Fernseher, um zu sehen, welche Mimik auf der Bühne besser bzw. weniger gut geeignet war. Er war absolut selbstkritisch, hörte nicht gerne seine eigenen Platten, war während den Plattenaufnahmen immer „nahe am Wahnsinn“. Sobald er ein Projekt beendet hatte, wandte er sich dem Nächsten zu.

Auf der Bühne begeisterte Mark Shakespeare sein Publikum durch hoch-musikalische Arrangements und perfekte Spieltechnik. Er machte durch seine spektakulären Auftritte und durch die großen Spiegel (die auf der Bühne installiert wurden, damit das Publikum seine superbe Fingertechnik und die theatralische Gestaltung der Show besser verfolgen konnte) auf sich aufmerksam, verband Showeinlagen (z.B. Phantom der Oper...), Lichttechnik und Humor zu einem faszinierenden Konzerterlebnis. Mark Shakespeare wörtlich in einem Interview der Zeitschrift Manual: „Musik ist Atmosphäre. Musik muss zur Umgebung passen. Für mich ist ‚Konzert’ die totale Mischung, der Kontrast. Der Kontakt zum Publikum ist für mich sehr wichtig... Mein Traum wäre eine eigene Show mit eigenem Orchester, Tanz, Laser- und Lichteffekten, einer speziellen Drehbühne... einfach eine Super-Show auf die Beine stellen - und das am liebsten in Las Vegas. Ich habe ja auch Cho­reografie und Bühnenbild studiert, es würde mir riesigen Spaß machen, so etwas zu organisieren.“

1984, etwa um seinen 21. Geburtstag, gründete Mark Shakespeare seine eigene Plattenfirma mit dem dazugehörigen Vertrieb: Ivory International Ltd. Dazu baute er ein Tonstudio, das ganz in der Nähe von Mark’s Elternhaus in Plymstock/Devon untergebracht war. Das neue Studio hatte ideale Arbeitsbedingungen: es war ruhig, hatte verschließbare Türen und kein Telefon (Mark: „Welch ein Segen!...“). Es lag mitten in einem Feld, Mark konnte jede Menge Krach machen, ohne jemanden zu stören, nächtelangen Aufnahmen frönen, üben, arbeiten... Insgesamt spielte Mark Shakespeare über 20 Alben ein.

Wo immer er war, sammelte er Ideen für seine Arrangements, nahm Anregungen auf: „Ich träume z.B. von Musik und behalte diese Träume auch im Gedächtnis. Wenn ich so einen Traum dann später aufgreife, nenne ich dies Inspiration. Ständig erhalte ich neue Ideen von überall her, sie scheinen auch ein Ergebnis persönlicher Erfahrungen zu sein. Kann man ein Liebeslied singen, wenn man nie verliebt war? - Wenn man es trotzdem tut, klingt es wahrscheinlich nicht so toll. Warum das so ist, interessiert mich. Viele Dinge, die ich musikalisch verwirklicht habe, waren das Ergebnis von ursprünglichen Ideen aus dem Familien- oder Freundeskreis, aus der Öffentlichkeit. Ich versuche stets, die Ideen von anderen Leuten in meine Shows und Platten zu integrieren, allerdings muss ich dann wirklich in der Lage sein, deren Intentionen und Motivationen für das Genießen von Musik zu verstehen und zu beurteilen. Was ich hauptsächlich mache, ist: zuhören, beobachten und fühlen. Es gibt immer Musikstücke, die Emotionen auslösen. Musik ist kein begrenztes Medium wie der Wortschatz oder die Sprache - sie überschreitet wirklich alle Grenzen. Ich besuche zahlreiche Konzerte, Shows, Cabaret- oder Theatervorstellungen - manchmal fühle ich mich wie ein musikalischer Schwamm! Ich sauge alles in mich auf, höre jede Menge Musik, lese viel. Ich kann an keinem Musikgeschäft vorbeigehen, ohne ein Notenheft oder eine Platte zu kaufen. Ich muss über 40.000 Musikstücke zu Hause haben, ich habe keine Ahnung wie viele Platten, Cassetten und CDs in unterschiedlichsten Musiksparten ich besitze!“

Mark Shakespeares Karriere machte einen weiteren Sprung nach oben, als er 1984 vom deutschen Orgelhersteller Böhm entdeckt wurde. Mark wurde für eine erste Vorstellung nach Deutschland eingeflogen und überzeugte mit seinem virtuosen Spiel und seiner Perfektion das ganze Böhm-Team. Kurze Zeit später absolvierte er für Böhm mit der damals neuen Musica Digital 1030 seine erste Tournee. Die Tournee war zwar ursprünglich mit einem anderen Organisten geplant worden, aber Mark war offensichtlich die bessere Alternative. Böhm bot ihm zu keiner Zeit einen Vertrag als firmeneigener Top-Konzert-Organist an, doch ab diesem Zeitpunkt wurde Mark auch international anerkannt und gleichzeitig zu einem Vorbild für viele andere Organisten. Mark zu der Zusammenarbeit mit der Orgelfirma aus Ostwestfalen: „Wir haben eine Art ‚gentleman’s agreement’; ein Vertrag ist nur nötig, wenn man Probleme hat, dem Anderen zu vertrauen!“

Mark verließ Großbritannien für kurze Zeit, um in Deutschland (bei Freunden in Nürnberg) zu leben und Deutsch zu lernen. Schnell konnte er die neue Sprache fließend anwenden. Da Mark auch in den darauf folgenden Jahren viel Zeit in Deutschland verbrachte, fand er zahlreiche neue Freunde, Deutschland wurde ihm zur zweiten Heimat. Zurück im „United Kingdom“ begann er, erfolgreich Schallplatten und CDs auf seinem eigenen Label zu veröffentlichen und im In- und Ausland Konzerte zu geben. In den USA konnte er komplett ausverkaufte Tourneen verzeichnen, hatte u.a. seine eigenen Shows in den Hilton Towers in Los Angeles und in den Mar­riot-Hotels in Orlando.

Mark absolvierte elf ausverkaufte Konzerttourneen an den wichtigsten Orten in Ost- und Westdeutschland, Österreich, Schweiz, Belgien, Holland, Frankreich und Dänemark. Mark: „Die Tourneen sind immer sehr spannend für mich; ich lerne so viele verschiedene Länder und Kulturen kennen. Ich spiele wirklich gerne in Europa, weil das Publikum so aufmerksam ist und Leistung zu schätzen weiß. Die amerikanischen Konzertbesucher sind dagegen unzweifelhaft die Lautesten!“

Er trat zwölfmal bei der jährlichen Internationalen Frankfurter Mu­sikmesse auf, erschien bei internationalen Radio- und Fernsehsendern, hatte Live-Auftritte bei den deutschen Fernsehsendern NDR, ARD und RTL während der besten Sendezeiten. Bei der Organisation dieser Termine stand die Firma Böhm ihrem Starorganisten stets hilfreich zur Seite. Marks Terminkalender war übervoll - nicht selten war er neun oder zehn von zwölf Monaten auf Tournee! Mark Shakespeare managte sich selbst und schrieb alle musikalischen Arrangements selbst, wobei er bei klassischen Stücken immer die Originale und auch Partituren zu Rate zog. Sein Name war untrennbar mit den Böhm Instrumenten verbunden.

Während seiner Karriere war er einer jener wenigen Organisten, denen es ermöglicht wurde, ihre Shows während der Sommerzeit in verschiedenen englischen Theatern aufzuführen, z.B. im Great Yarmouth Wellington Theatre, Clacton on Sea - The Westcliff Theatre, Porthcawl - The Grand Pavilion, um nur einige zu erwähnen. Er konzertierte an vielen weiteren Topschauplätzen in Großbritannien: The London Palladium, The London Barbican Centre, The Manchester Free Trade Hall, Fairfield Hall, Croy­den... und traf eine Menge berühmter Leute. Einige von ihnen wurden zu Freunden wie Rick Waterman, Barbara Windsor, Ted Rodgers oder der bekannte deutsche Komponist und Arrangeur Berry Lipman. Er gab Konzerte für Ihre Hoheit, die Herzogin von Westminster, deren Lieblingsmusiker Mark war. Beim Staatsfestival von Berlin konzertierte er auch für den deutschen Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl.

Mark Shakespeare erhielt internationale Anerkennung als „King of the One Man Show“. Die Ankündigung eines seiner Konzerte lautete: „Mark Shakespeare - The Electronic Organ And Keyboard Experience. An action packed family stage show, with music to suit all tastes, including: Standards, Evergreens, Oldies, Pop, Latin, Rock, Classical, Musicals and much, much more!“ Mark zog den Terminus „Show“ vor - die Bezeichnung Konzert war in seinen Vorstellungen verbunden mit einem alten, grauhaarigen Professor, der für ein kleines Elitepublikum schwierige klassische Musik spielt! Mark Shakespeares Shows dagegen hatten stets einen familiären Touch - das Publikum sollte einfach den Abend genießen, den Alltag vergessen und in musikalischen Fantasien schwelgen.

Zur Umsetzung seiner Showideen konnte er sich auf eine gut eingespielte Crew verlassen. Mark hatte sich ein absolut professionelles Roadteam aus Aufbauhelfern, Technikern etc. zusammengestellt. Sein Tontechniker Rob wurde ihm und Marks Familie ein enger und wertvoller Freund. Auf der Bühne kamen Spiegel, Projektoren, Bühnenaufbauten und computergesteuerte Lichtsysteme zum Einsatz, wobei es Mark nicht um vordergründige, schrille Effekte ging - hier kam wieder der theatralische, musical-artige, professionelle und kreative Anspruch dieses Künstlers zu Tage. Das Bühnenlicht stellte für ihn eine eigenständige kreative Ausdrucksform dar. Das Geschehen auf der Bühne hatte nicht nur musikalisch sondern auch visuell interessant und attraktiv zu sein. Mark Shakespeare verwendete auf der Bühne niemals Sequenzer oder Computer, nicht einmal bei Fernsehaufzeichnungen! Sein Leitsatz lautete: „Musik muss lebendig sein. Wenn jemand einen Fehler macht: Na und?! Musik ist ein Teil unseres Daseins, der Ausdruck und die Interpretation des Lebens. Das Publikum fühlt, ob jemand wirklich live spielt, selbst wenn es von der technischen Seite keine Ahnung hat!“

War Mark nicht auf Konzertreisen oder arbeitete nicht im Tonstudio, interessierte er sich außerordentlich für Computertechnologie. Seine Begeisterung für dieses neue Medium ließ ihn oft bis in die frühen Morgenstunden am PC sitzen. Mit seinem Wissen über Technik und Programmiermög­lichkeiten war er anderen Kollegen meilenweit voraus. Als 1991 die Firma Böhm electronic gegründet wurde, entwickelte Mark zusammen mit dem Böhm-Team das neue Opera-Klangsystem. Für Böhm war es immer wichtig, bei der Entwicklung eng mit den Musikern zusammenzuarbeiten. Viele Sounds der Böhm-Orgeln wurden von Mark programmiert oder gesampelt.

Um seinen 30. Geburtstag resümierte Mark Shakespeare: „Ich glaube, Musiker zu sein ist kein Beruf, es ist mehr eine Lebensart (‚a way of life’). Bei mir sind seit frühester Jugend viele Dinge geschehen, Gelegenheiten entstanden, die ich als völlig normale Entwicklung betrachte. Ich wollte niemals Berufsmusiker werden, wollte nur Musik machen, musikalische Sachverhalte lernen - ganz einfach weil die Musik mein Leben war. Es war stets meine Intention, Musik perfekt und professionell darzubieten! Ich habe dabei viele neue Freunde gefunden, und die Dinge haben sich prächtig entwickelt. Die Ereignisse haben sich manchmal gegenseitig multipliziert wie in einem Schneeballsystem. ‚Richtig’ professionell wurde ich vermutlich, als ich meine handschriftlichen Notizen gegen einen Terminkalender für Manager ausgewechselt habe, verbunden mit Wandkarten und Schreibmaschinen... Professionelle Aufträge habe ich ab meinem 12. Lebensjahr angenommen, das reichte vom Musik arrangieren für Künstler und Shows, über die Arbeit mit Orchestern bis hin zu Konzerten. Noch gut erinnern kann ich mich an ein Engagement, als ich etwa 14 Jahre alt war, da spielte ich als Gast in einer großen Varietee-Produktion im Palladium-Theater (im Londoner West End) E-Orgel und Keyboard mit Lena Zaveroni und dem Burt Rhodes Orchestra.“

Mark Shakespeare brauchte das Feedback des Publikums und versuchte evtl. bestehende Barrieren z.B. durch Gespräche oder kleine Geschichten von der Bühne aus abzubauen. Er war seit seiner Jugend in so vielen musikalischen Welten zu Hause, dass er sich nie auf ein spezielles musikalisches Gebiet festlegen wollte. Das mag vielleicht verwundern, denn viele sahen in ihm ja einen Spezialisten an den elektronischen Instrumenten. Mark beobachtete sehr genau den Markt und das Interesse der Leute. Allein in England gab es 200 begeisterte ‚organ societies’, für die er immer wieder spielte. In England, Amerika, Kanada, Spanien veranstaltete man ‚special holidays’ für Tastenfans. Manchmal kamen über 2000 Besucher zu diesen Treffen, die ein, zwei oder drei Wochen dauerten und professionell organisiert waren. In Amerika wurden Festivals z.B. von den Hilton- und Marriot-Hotel-Gesellschaften promoted. Das Interesse an der E-Orgel war riesig - und zwar weltweit!

Mit seinem modernen Instrumentarium war Mark Shakespeare in der Lage, alle denkbaren Musikstile zu reproduzieren: Klassik, Jazz, Disco, Funk, Pop, Rock, Bigband, Swing, Folk, Musical, Ouvertüren... Sein Publikum war breit gefächert, sowohl in Bezug auf den musikalischen Geschmack als auch auf das Alter. Dies war eine der Herausforderungen, die Mark bei jeder Show genoss. Deshalb versuchte er, ein möglichst breit gefächertes Spektrum an Musik zu spielen und zwar so, dass das Publikum einen Bezug dazu fand. Er mochte die Bezeichnung ‚light music’ (Unterhaltungsmusik) nicht. Das Gegenteil davon wäre nämlich ‚heavy music’ - schwere Musik - was assoziiert: schwer zu verstehen, keinen Bezug dazu haben. Mark war überzeugt, dass Musik Atmosphäre ist, dass Musik aufhört ‚schwer’ zu sein, wenn man die Erfahrung macht, dass Empfindungen, Gefühle, Stimmungen und Bilder durch Klänge ausgedrückt werden können. Sein Publikum dankte es ihm mit begeisterten Kritiken: „Ein Organist der Superlative, ...man muss Mark Shakespeare einfach erlebt haben..., wer ihn nicht selbst gesehen und gehört hat, der glaubt es nicht, der hat einfach etwas verpasst!“

In seiner knapp bemessenen Freizeit begeisterte sich Mark für Meeresbiologie - während seiner Studienzeit hatte er ein tolles Aquarium, bestückt mit exotischen Fischen, Pflanzen und seltenen wirbellosen Tieren. Mark schätzte Autos der Marke Jaguar, schnelle Motor- und Rennboote. Er war ein vorzüglicher Küchenchef und genoss es sichtlich, Gourmetmahlzeiten zu kochen, wenn der Terminkalender es zuließ.

Mark Shakespeare engagierte sich außerordentlich rege für wohltätige Zwecke. Es war ihm ein echtes Bedürfnis, wohltätige Organisationen zu unterstützen, Gutes für Leute zu tun, denen es nicht so gut ging, wie ihm und den meisten Leuten. Seine bevorzugt unterstützte Organisation, für die er beachtliche Geldbeträge beschaffte, war „Riding For The Disa­bled“, deren Präsident Prinzessin Anne von England ist. Durch Marks Bemühungen war es u.a. möglich, ein neues Gebäude für Behinderte in Wrexham/North Wales zu errichten. Mark Shakespeare ließ es sich nicht nehmen, die Eröffnungsfeierlichkeiten (bei denen Prinzessin Anne persönlich anwesend war) musikalisch zu umrahmen. Eine Gedenktafel mit dem Namen des Orgelvirtuosen ist in der Zweigstelle der Wohltätig­keitsorganisation in Chester zu finden. Daneben konzertierte Mark jährlich für die Herzogin von Westminster. Die Einnahmen kamen dem „St. Lukes Hospice for the Good Sheperd“ zugute - das Hospizgebäude in Chester konnte um einen neuen Flügel erweitert werden.

Während der Frankfurter Musikmesse 1996 präsentierte Mark, wie schon viele Jahre zuvor, die Böhm-Instrumente. Aufmerksamen Besuchern entging nicht, dass Mark gesundheitlich einen angeschlagenen Eindruck machte, schmal und blass aussah. Seinen letzten Auftritt für Böhm hatte Mark Shakespeare beim Maifestival der Firma. Im Mai und Juni 1996 erhielt Mark den Auftrag, zwei CDs fertigzustellen „Crystal Clear“ und „White Gold“. „White Gold“ sollte mit einer speziellen Orgel in weiß und gold eingespielt werden - ein Prototyp, der Mark gewidmet war, und für die er seine eigenen, speziellen Effekte und Sounds programmiert hatte. Es war beabsichtigt, diese E-Orgel als „Mark Shakespeare Special Edition“ zu veröffentlichen. Außerdem waren die Vorbereitungen für eine Tournee in den fernen Osten fast abgeschlossen, die im Frühjahr 1997 beginnen sollte. Leider kam es nicht mehr dazu, denn Mark wurde im Juni plötzlich krank, konnte gerade noch die CD „Crystal Clear“ fertig stellen, bevor er ins Derryford Hospital in Plymouth eingeliefert wurde. Die Diagnose lautete Lymphdrüsenkrebs und die Krankheit schlug schnell und erbarmungslos zu - Mark starb am 28. September 1996. Der deutsche Geschäftsführer von Böhm, Horst K. Hoppe, flog zur Beerdigung und hielt während der Totenmesse einen Nachruf. Die Traueranzeige von Böhm lautete: „Wir haben einen wahren Freund verloren. Am Samstag, 28. September, verstarb nach wochenlangem Krebsleiden unser lieber Freund, Konzertorganist, Komponist und Entertainer Mark Shakespeare im Alter von nur 33 Jahren. Mark Shakespeare hat mit seiner großen musikalischen Begabung, eigenen Kompositionen und seinen gefühlvollen Interpretationen bei Konzerten und mit Alben in Europa und Amerika tausende Zuhörer über Jahre begeistert und viele neue Freunde der Musik und dem Orgelspiel zugeführt. Sein Leben hatte er ganz der Musik verschrieben. Für einen ungewöhnlich breiten Fan-Kreis unterschiedlichster Stilrichtungen ist und bleibt Mark Shakespeare das große musikalische Leitbild. Das Böhm-Team verdankt Mark Shakespeare wertvollste Anregungen und jahrelange künstlerische Unterstützung. Wir werden Mark Shakespeare ein höchstes Ansehen bewahren und seine Ideen für die Musikfreunde weiter verfolgen. In tiefer Trauer das Team Böhm electronic GmbH. Ply­mouth, GB / Bad Oeynhausen, 30. September 1996.“ Die Trauerfeier fand am 4. Oktober 1996 in Plympton in der St. Mary’s Church statt.

Zum Andenken an den unvergessenen Musiker, veranstaltete die Firma Böhm electronic seither einen jährlichen Talentwettbewerb. Böhm griff damit das Anliegen von Mark Shakespeare auf, jugendliche Talente zu fördern. Der Wettbewerb, der nach Umstrukturierung nun im zweijährigen Rhythmus stattfindet (das nächste Mal 2002), wird europaweit ausgeschrieben. Es gibt Vorentscheidungen im In- und Ausland, das Finale ist in das Herbstfest der Böhm-Zentrale in Bad Oeynhausen eingebunden. Anmeldungen sind möglich für die Sparten Keyboard und Orgel; zugelassen sind Amateure im Alter bis 25 Jahre; gewertet wird in drei Altersklassen. Hauptpreis ist der „Mark Shakespeare-Wanderpokal“.

Die Eltern von Mark ließen - wohl aus übergroßer Trauer - die Verkäufe aller Tonträger auslaufen. Für Shakespeare-Fans heißt es deshalb zugreifen, wenn sich eine Gelegenheit zum Kauf ergibt - Marks Tonträger werden zu Raritäten. Auch seine Instrumente wurden von den Eltern zurückgegeben bzw. veräußert. Die Orgel von Mark Shakespeare befindet sich nun in den Händen des deutschen Organisten Alfred Brett­nacher (siehe OKEY!-Bericht in Ausgabe 42), welcher Mark persönlich gekannt und auch geschätzt hat und das Instrument in großen Ehren hält.

Eine Gedenktafel erinnert in England an Mark Shakespeare: die Widmung an der letzten Ruhestätte von Mark, auf dem Friedhof Drake Memorial Gardens in Ply­mouth: ‚Mark J.K. Shakespeare - „MUSICAL GENIUS“ - 21/08/1963 - 28/09/1996'.

Wer diesen genialen Musiker gekannt hat, weiß, dass diese schlichte Inschrift den wahren Verlust nur unzulänglich beschreiben kann. Marks Eltern leiden auch heute noch unter seinem tragisch frühen Tod. Mike Shakespeare: „Mark war in der Tat eine ganz besondere Persönlichkeit. Wir sind immer noch sehr traurig über seinen Tod, doch glücklicherweise haben wir viele unschätzbare, persönliche Erinnerungen an ihn, die uns auch niemand nehmen kann.“

   
 

Ein herzlicher Dank ergeht an Mark’s Eltern Mike und Barbara, die das Portrait durch Fotos und viele detaillierte Informationen ermöglicht haben. Ein weiteres Dankeschön für die Unterstützung bei Marks Discografie geht an Alan Ashton und an Böhm electronic (Herrn Möller) für die detaillierte Information in Wort, Bild und Ton.

   
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