Der Wegbereiter

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  Brian Auger in einem Portrait von Ralf Hoffmann
   
 

Auf einem ungeheuer reichen musikalischen Background aufbauend, präsentierte und entwickelte der Orgelvirtuose Brian Auger zusammen mit seiner Band Trinity in den 60er Jahren eine neue Form von Musik. Dieser neue Musikstil überbrückte die bis dahin klaffende Lücke zwischen der Rock- und der Jazz-Szene und wird heute allgemein als der erste erfolgreiche Jazzrock oder als Jazz-Fusion-Musik bezeichnet. Brian Auger und Julie Driscoll entwickelten damit einen internationalen Musikstil, der bis heute Verwendung findet!

   
 

Ich habe schon Mitte der 60er Jahre gewusst, dass nur Klassik oder Jazz den Rock vorwärts bringen können - denn darin ist alles musikalische Wissen enthalten! Bands wie Emerson, Lake & Palmer oder Genesis kamen von der klassischen Seite. Ich hatte eben den Jazzansatz, der nur etwas länger zum Durchbruch brauchte!“ meinte Brian Auger einmal rückblickend.

Brian Auger wurde am 18. Juli 1939 in London geboren. Bereits im Alter von 3 Jahren begann er Klavier zu spielen. Brians Vater war ein Musikliebhaber, der ein Pianola mit einem Schrank voll Pianorollen besaß, die ein breites musikalisches Spektrum von der klassischen Musik über bekannte Opernarien, Songs aus den Musicals der 20er und 30er Jahre bis hin zum Ragtime abdeckten. Brian lernte Klavier zu spielen, indem er diese Melodien nachspielte oder zu den Platten spielte. Auger meinte einmal: „Glücklicherweise drängten mich meine Eltern nicht, Klavierunterricht zu nehmen - sie erlaubten mir, die Dinge selber zu erarbeiten.“ Brians ältester Bruder war ein überzeugter Jazzanhänger und Brian hörte in seiner Jugend deshalb ständig die Songs von Duke Ellington, Lionel Hampton, Fats Waller, Nat King Cole, Louis Armstrong, Count Basie, Oscar Peterson und vielen weiteren amerikanischen Jazzgiganten. So konnte sich seine Leidenschaft für den Jazz schon sehr früh entwickeln. Seine musikalischen Inspirationen bezog Brian aus der Blütezeit des Jazz in der Mitte der 50er Jahre.

In Augers Musik verschmolzen Elemente aus Blues, Folk, Pop, Klassik und Free Jazz. 23-jährig entschloss er sich 1962 Profi-Musiker zu werden. Unter anderem war er als Begleiter verschiedenster Solisten meist in der Londoner Club-Szene (The Marquee, The Flamingo, Ronnie Scott Club...) am Piano zu hören. Er spielte in den Gruppen von Tubby Hayes, Joe Harriot und Ronnie Scott und traf mit den ganz Großen der Jazzszene zusammen, wie z.B. Miles Davis, Horace Silver oder Herbie Hancock. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bereits 1964 gewann er bei der Leserwahl des Melody Maker den ersten Platz in der Rubrik „Jazz Piano Poll“ und den ersten Platz in der New-Star-Kategorie, wurde als „größte musikalische Hoffnung“ bezeichnet. Im gleichen Jahr spielte er mit John McLaugh­lin und Rick Laird in einer Band.

1962 gründete Auger sein eigenes Trio, erweiterte es 1964 zur Fünfmannband. 1965 ergänzte er sein Instrumentarium um eine Hammondorgel, war äußerst beeindruckt vom genialen Orgelspiel Jimmy Smiths (Näheres dazu im Interview mit Brian Auger in OKEY! 46). Beeindruckt und beeinflusst von dieser Jazzorgellegende entwickelte Auger jedoch seine eigene Stilistik und brachte durch neue Elemente Impulse für die gesamte Jazzorgelszene. Er experimentierte u.a. mit Echoeffekten, liebte Clusterklänge, bearbeitete die Orgeltastatur mit den Fäusten und imitierte mit speziellen Zugriegelkombinationen Percussionklänge, wie z.B. Con­ga- oder Bongotrommeln. Brian selbst sah in seinen Collagen aus den unterschiedlichsten Stilbereichen eine Parallele zu den großorchestralen Experimenten von Don Ellis. Dieser versuchte ebenfalls, junge Leute für eine anspruchsvolle Musik zu interessieren. Bald war Augers kreatives, improvisationsreiches Spiel in aller Munde. Im Gegensatz zu den meisten Hammond-Organisten verwendete er jedoch keine Les­lies, er schätzte den „puren“ Hammond-Sound und arbeitete lieber mit Chorus/Vibrato on/off. Es dauerte nicht lange, bis Auger zum swingenden Organisten mit einer enormen Kapazität an Drive und Energie wurde.

Zu dieser Zeit lebte die amerikanische Blueslegende Sonny Boy Williamson (Gesang und Blues­harp) in England. Oft hörte er bei den Auftritten von Auger und seiner Band zu, spielte gelegentlich auch mit. Kurz bevor Williamson nach Amerika zurückkehrte, organisierte Auger eine Aufnahme-Session, um die Verbindung zu Williamson akustisch festzuhalten. Außer Augers Band spielten auch zwei Top-Saxofonisten (Joe Harriot und Alan Skidmore) und der Studiogitarrist Jimmy Page mit. Das Album „Don’t Send Me No Flowers“ erschien kurz bevor Sonny Boy Williamson starb.

Im Herbst 1965 wurde die Formation Steampacket gegründet. Unumstrittener Star der Band war Long John Baldry, einer der ersten überzeugenden britischen Bluessänger. Auger erinnert sich: „Im April oder Mai 1965 hörte mich Baldry im Manchester Club ‚The Twisted Wheel’ spielen. Baldry war zu jener Zeit sehr bekannt und genoss einen hervorragenden Ruf. Schon in der darauf folgenden Woche wurde ich zu einem Treffen mit Long John Baldry und dessen Manager und Agenten gebeten. John’s Band ‚The Hoochie Coochie Men’ löste sich gerade auf und es wurde vorgeschlagen, dass mein Trio ‚The Trinity’ mit Bassist Ricky Brown und Schlagzeuger Mickey Waller zur Rhythmussektion der Band werden sollte, der ich noch den Gitarristen Vic Briggs hinzufügte. John wollte, dass sein Schützling Rod ‚The Mod’ Stewart bei uns singt und ich schlug ergänzend vor, die Sängerin Julie Driscoll dazu zu nehmen, die zu jener Zeit noch im Büro meines Managers arbeitete, aber unbedingt eine Gesangskarriere in einer Band starten wollte.“

Mit Steampacket wagte sich Auger erstmals ins Rockgenre. Die Band ging mit den Rolling Stones auf Tournee. Backstage jammte Auger mit den Jazzenthusiasten Charlie Watts (Drummer der Stones) und Denny Laine (Gitarrist der Moody Blues). Brians Kontakte zur Rockszene führten auch dazu, dass er beim ersten Hit der Yardbirds „For Your Love“ Cembalo spielte. Steampacket galt als erste Supergruppe der Rockgeschichte. Die Band hatten einen guten Start in England und begeisterten das Publikum mit einer faszinierenden Synthese aus Blues-, Rhythm& Blues-, Jazz- und Gospelelemen­ten. Ungewöhnlich war der Einsatz von drei Leadsängern - doch er machte sich bezahlt. Steam­packet gehörte zu den gefragten Acts auf den Bühnen der Clubs und Ballrooms. Augers virtuoses Orgelspiel dominierte die Musik der Band.

Durch vertragliche Probleme wurden jedoch Plattenveröffent­lichungen verhindert, 1965 entstanden lediglich einige Demoaufnahmen zur Vorbereitung einer College-Tour durch die USA. Erst in den 70er Jahren wurden diese Aufnahmen auf der LP „The Steampacket“ zusammengefasst. Obwohl der Produzent Giorgio Gomelsky (einer der wichtigsten Förderer des englischen Blues) sich intensiv um das hochklassige Septett bemühte, nahmen weder die Radio- noch die Fernsehstatio­nen große Notiz von der Superband, ihrem Bluesrock, den tollen Balladen. Der fehlende kommerzielle Erfolg und die Problematik, unterschiedlichste Musi­kercharaktere und mehrere Stars unter einen Hut bekommen zu müssen, führte zur Unruhe in der Formation und die Bandmit­glieder gingen bereits im Herbst 1966 wieder eigene Wege. Trotz der kurzen Zeit des Bestehens darf Steampacket als Trendsetter des weißen Bluesrevivals bezeichnet werden, das um 1966/1967 in England einsetzte. Nach der Auflösung von Steampacket produzierte Julie Driscoll drei (wenig beachtete) Solo-Singles. Long John Baldry landete bald darauf seinen ersten Solohit. Vic Briggs war bei einer späteren Generation der Animals wieder zu hören. Ricky Brown ging zu Screaming Lord Sutch und danach zu Georgie Fame; Rod Stewart und Mick Waller trafen sich bei Jeff Beck wieder. Steampacket fand Nachahmer in anderen Formationen wie z.B. Shotgun Express oder The Brotherhood - hier wirkte u.a. Elton John mit.

Auger: „Nachdem ich bei Steam­packet gespielt hatte, wollte ich wieder eine eigene Band haben, die verschiedene musikalische Elemente auf sich vereinigt: meine bevorzugten Jazzsounds, den neu aufkommenden Rock’n Roll, den Blues (wie ich ihn von Wil­liamson oder Baldry kennengelernt hatte) und natürlich gehaltvollen Funk, den man auf der Orgel so gut interpretieren kann. Ich versuchte, eine Brücke zwischen all diesen Pfeilern zu bauen - einige Zeit später bezeichnete man dies als Jazz-Rock oder Fusion. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass dies schon einige Jahre geschah, bevor Miles Davis „Bitches Brew“ veröffentlichte - wir bewegten uns damals also in ‚unbekannten Gewässern’“.

1967 rief Auger seine Gruppe Trinity ins Leben [Brian Auger (Piano, Orgel, Gesang), Julie Driscoll (Gesang), Rod Stewart (Gesang), Gary Boyle (Gitarre), Clive Thacker (Schlagzeug), Dave Ambrose (Bass)]. Der Start war allerdings alles andere als vielversprechend. Die Band reiste kreuz und quer über den europäischen Kontinent und hatte sowohl beim Jazz- als auch beim Rockpub­likum Schwierigkeiten anzukommen. Die erste Single „Save Me“ (1967) fand lediglich in Skandinavien und in den Benelux-Ländern (Platz 1 in den französischen Charts) positiven Anklang.

In England änderte sich im Frühjahr 1968 die Situation: Trinity’s meisterhafte Interpretation des Bob Dylan-Hits „This Wheel’s On Fire“ (1968) kletterte in die Top Ten und stieg bis auf Platz 1. Die Presse feierte Driscoll als „neue musikalische Hoffnung“ (Zitat New Musical Express). Ein weiterer Single-Hit gelang der Band 1969 mit „Road To Cairo“. Augers brillantes Orgelspiel geriet allerdings durch den außergewöhnlichen Gesang und die ausgeprägte Individualität der exzentrischen Julie Driscoll immer mehr in den Hintergrund. Mit der Zeit entwickelte sich die Band fast ausschließlich zur Begleitgruppe von ‚Jools’, wie Julie Driscoll auch genannt wurde. Mit ihrem exaltierten Outfit und den Launen einer Diva bestimmte sie meist die Schlagzeilen der Presse. „Die fragile, mit kreidebleich geschminktem Gesicht auftretende Julie Driscoll“ (Zitat HiFi-Vision) gehörte in den 60er Jahren zu den schillernden Persönlichkeiten der Rockszene. Die superschlanke Vokalistin liebte extreme Klei­dungen und vermittelte der europäischen Musikszene Impulse, die mit dem Einfluss von Janis Joplin in den USA verglichen wurden. Im Gegensatz zur dem Rock verbundenen Janis Joplin lagen die Wurzeln von Driscoll jedoch im Jazz: Julie wurde am 8. Juni 1947 als Tochter eines mäßig erfolgreichen Jazztrompeters geboren. Driscoll vermischte Jazz- und Rockelemente, ohne auf kommerzielle Aspekte Rücksicht zu nehmen. Der Melody Maker titulierte sie als „weiße Soulstimme“. Ihre grelle und intensive Stimme, die sich manchmal überschlug, unterschied sie von allen anderen Vokalistinnen und markierte einen neuen Frauentyp in der Rockszene. Die Frauenmagazine bejubelten den selbstbewussten Charakter von ‚Jools’. Die Modezeitschriften wandten sich begeistert ihrem exotischen Kleidungsstil und ihrer auffälligen Afro-Frisur zu.

Trotz Spannungen innerhalb der Gruppe entstanden zwei außergewöhnliche und hochklassige Stu­dioproduktionen: „Open“ (1967, stieg bis auf Platz 5 der europäischen Charts) und das Doppelalbum „Streetnoise“. Sie belegen eindrucksvoll die überragenden Fähigkeiten und Möglichkeiten dieser innovativen Vollblutmusiker, welche die Fähigkeit besaßen, scheinbar mühelos den Bogen zwischen den Stilbereichen Jazz und Rock zu spannen. Standards wie „Season Of The Witch“ (von Donovan) oder „Light My Fire“ (von den Doors) erfuhren neue und spannende Interpretationen.

1968 präsentierte Auger die LP „Definitely What“, war darauf auch als Sänger zu hören. Seine, teils mit parodistischen Gags durchsetzten, Improvisationen waren brillant. Die Jugendzeitschrift Twen bezeichnete Auger als „Wunderkind zwischen Jazz und Pop“. Obwohl das Album viele gute Rezensionen erhielt, hatte dies keine Auswirkung auf den Umsatz - die Verkäufe liefen schleppend. Offensichtlich besaß der Name Auger zu wenig Präsenz und Charisma. Der Melody Maker schrieb zu diesem Dilemma: „In der verdienten Publicity, die Julie Driscoll umgab, war es Pech, dass man den virtuosen Auger übersah.“

1968 war Auger mit der Trinity-Formation als erste Jazz-Fusion-Group bei den Festivals in Berlin und Montreux zu Gast und konzertierte 1969 zum ersten Mal in den USA. Bereits im Dezember 1967 hatte Brian Auger das Album „Befour“ aufgezeichnet, das aber erst 1970 auf den Markt gebracht wurde. Neben drei eigenen Kompositionen enthielt das Album die Adaption von „Maiden Voyage“ (von Herbie Hancock) „No Time To Live“ (von Traffic) und „Pavane“ (von dem französischen Klassikkomponisten Gabriel Fauré). Auger präsentiert mit „Befour“ eine swingende LP, welche elegant stilistische Grenzen überschritt und vermischte. Doch auch bei „Befour“ waren die Verkaufszahlen nicht befriedigend - von der Presse wiederum hochgelobt, verkaufte sich auch dieses Album nur schleppend und das obwohl Brian Auger beim Pop-Poll der Zeitschrift Twen zum weltbesten Organisten gewählt wurde! Im September 1970 führten die persönlichen und musikalischen Spannungen zwischen Brian Auger und Julie Driscoll, gepaart mit Starallüren, Tournee­stress und Managementproblemen schließlich zur Auflösung von Trinity - der Schlusspunkt unter einer zugleich fruchtbaren und auch sonderbaren, musikalischen Beziehung.

Brian Auger gönnte sich eine mu­sikalische Denkpause, welche er nur für einen Gastauftritt auf dem Album „Trash“ (von Mogul) unterbrach. Es folgte eine Zeit des musikalischen Suchens und Experimentierens, die Auger wenig Erfolg und Gegenliebe einbrachte. Seine experimentellen Rhythmus-Etüden „Listen Here“ wurden von der New York Times als „allenfalls noch faszinierende Kuriositäten, die aber wenig Interesse erwecken“ bezeichnet. Seine virtuosen Experimente gingen fast bis an den Rand des geschmacklich noch Vertretbaren.

Auger wollte eine Band mit Musikern zusammenstellen, deren oberstes Interesse es war, live Musik zu machen und sich in allen Sparten der Musik (z.B. als Instrumentalist, Komponist, Arrangeur, Plattenkünstler...) weiterzuentwickeln. Diese Band sollte einen großen künstlerischen Freiraum genießen, in den alle ihre Ideen einbringen konnten, um bis an ihre musikalischen Grenzen vorzustoßen. Auger: „Nach dem Debakel mit Trinity war ich in einer zynischen Stimmung. In meiner neuen Band, die im November 1970 entstand, ermutigte ich jedes Mitglied, so kreativ wie möglich zu sein - ohne darauf zu achten, was die Plattenfirma oder das Publikum hören wollte. Diese Prämisse schien gegen alle kommerzielle Regeln zu verstoßen und deshalb dachte ich, die neue Gruppe würde auf dem schnellsten Weg wieder in Vergessenheit geraten. Aus diesem Grund nannte ich die Band „Ver­gessenheits-Express“: Oblivion Express. Allerdings trat meine Befürchtung nicht ein!“

Das Repertoire der Formation stellte eine Kombination aus Soul-, Jazz- und Funkstücken dar. Auger griff bei der Zusammenstellung der Band überwiegend auf erfahrene Musiker zurück: Barry Dean (Bass) hatte zuvor für Shawn Phillips „Boz & The Boz People“, Arthur Brown und Zoot Money gespielt. Jim Mullen (er kam von Pete Brown) gehörte als ehemaliger Bassist zu jenen Gitarristen, die auf ein Plektron verzichteten. Nur der Schlagzeuger Robbie McIntosh verzeichnete beim „britischen Tastengenie“ (Zitat der Berliner Morgenpost) seinen Einstieg ins Profigeschäft. Auger hatte lange nach einem geeigneten Drummer gesucht und McIntosh schließlich in Italien entdeckt.

Im Vergleich zu Trinity standen bei Oblivion Express die Jazzelemente eindeutig mehr im Vordergrund, Auger hatte sich offensichtlich von der amerikanischen Jazzrock-Welle beeindrucken lassen. Die Band tourte kreuz und quer durch Europa, war bei vielen Jazz und Rock-Events zu hören. Das erste Album „Oblivion Express“ wurde 1970 aufgezeichnet, als McIntosh erst eine Woche bei der Band war. Das meiste Material des Albums war von Auger selbst geschrieben worden. Beim zweiten Album „A Better Land“ lieferte Jim Mullen 1971 das meiste musikalische Material - Auger schrieb hauptsächlich die Lyrics. 1971 gewann Brian Auger den ersten Platz in der Kategorie „Jazz und Rock & Roll“ des renommierten westdeutschen Rock & Folk Magazins.

Während die beiden ersten Obli­vion-Alben zwei sehr unterschiedliche musikalische Konzepte der Band vorstellten, wurde beim dritten Tonträger „Second Wind“ deutlich, dass die Band eine sehr ausgewogene Balance ihrer Stile und Möglichkeiten gefunden hatte. Für dieses beeindruckende Album „Second Wind“ engagierte Auger den Sänger Alex Ligert­wood, der früher bei Jeff Beck gesungen hatte. Ligertwood besaß einen extrovertierten Gesangsstil und verfügte über einen außergewöhnlichen großen Tonumfang. Seine Interpretationen harmonierten auf Anhieb mit Augers virtuosem Orgelspiel. Doch Brian Auger bekannte, dass er klaren Tisch machen wollte und nach etwas Neuem suchte. Nur Barry Dean blieb bei „Closer To It!“ (1973) und „Straight Ahead“ (1974) an Augers Seite. Neu dazu kamen der britische Gitarrist Jack Mills, der Percussionist Lennox Langton aus Trinidad (der sich als Spezialist für afro-cubanische Polyrhythmik erwies), sowie der Drummer God­frey MacLean aus Guayana.

Oblivion Express hatte in der Ur-Besetzung nur kurze Zeit Bestand. Jim Mullen (Gitarre) ging zu Vinegar Joe und gelangte über Cocomo schließlich zur Average White Band. Schlagzeuger Robby McIntosh stieß ebenfalls zur Average White Band. Alex Ligert­wood zog es vor, an der amerikanischen Westküste zu bleiben und arbeitete u.a. mit Carly Simon, David Sancious und den Dregs (es gab allerdings zwischen Ligert­wood und Auger bis 1980 immer wieder Kontakte in loser Folge). Ab 1979 gehörte er dann zum Clan von Carlos Santana. Die Liste der Musiker, die zu unterschiedlichsten Zeiten bei Oblivion Express mitwirkten ist außergewöhnlich: Robbie McIntosh, Jim Mullen, Clive Chaman (Jeff Beck Group), Steve Ferrone (AWB), Chaka Khan, George Benson, Eric Clapton, Alex Ligertwood, Paul Jackson und Mike Clark (Herbie Hancock’s Headhunters), Lenny White (Chick Corea’s Return To Forever)...

Zunehmend interessierte sich Brian Auger für die Jazz-Szene. 1973/1974 trat er bei den Jubilee-Konzerten des deutschen Saxofo­nisten Klaus Dol­dinger und dessen Band Passport glanzvoll in Erscheinung. Diese hervorragenden Konzerte (u.a. mit Alexis Korner, Johnny Griffin und Pete York) wurden vom Label Atlantic auf einem Album festgehalten.

Mit dem Album „Closer To It!“ ge­lang es Oblivion Express, beim Medienmultikonzern CBS unter Vertrag genommen zu werden. Auf diesem Tonträger findet sich auch eine bemerkenswerte Version von Marvin Gaye’s „Inner City Blues“. Das Album gelangte gleichzeitig in die Billboard Rock-/Jazz-Charts und in die Rhythm & Blues-Charts. „Closer To It!“ brachte Auger den Durchbruch in den Vereinigten Staaten. Für das darauf folgende Album „Straight Ahead“ ergänzte er seine Band mit den Schlagzeugern Steve Ferrone und Mirza Al Sharif. 1974/1976 erschienen zwei Live-Mitschnitte, sowie der Sampler „Reinforce­ments“ und das Album „Jam Session“ mit älteren Aufnahmen. War die Band auf Tournee, zog sie weißes und schwarzes Publikum an - der Begriff „Crossover“ tauchte auf. Nach „Straight Ahead“ war Brian Auger nicht mehr zufrieden. Er fühlte sich ganz offensichtlich durch die Gegebenheiten des Musikgeschäftes stark eingeengt. „Ich bin durch das ganze Pop-Business gegangen und habe gemerkt, dass ein Star am Ende der Musik, die man machen möchte, im Weg steht. Man kann keine Risiken mehr eingehen, weil zu viele Leute von dem, was man tut, wirtschaftlich abhängig sind. Man wird im schlechtesten Sinne ein Gefangener seiner Musik.“

Im Herbst 1974 verlegte Brian Auger seine Aktivitäten nach San Francisco, war u.a. auf dem Album „Burglar“ der Blueslegende Freddie King zu hören. Seinen amerikanischen Neubeginn dokumentiert die Einspielung „Begin­ning Again“ - offensichtlich konnte sich Auger jedoch nicht völlig von seinen Wurzeln trennen. 1976 und 1977 landete er bei der Wahl zum besten Jazzorganisten des Contemporary Keyboard Poll auf dem ersten Platz (sein Idol und Inspirator Jimmy Smith landete auf Platz 2...). Etwa zur gleichen Zeit begann er mit den Vorbereitungen für das Solo-Album „Happiness Heartaches“. Er kooperierte auch wieder mit seinen früheren Musikern und so trafen sich im Tonstudio Ligertwood, Mills, Laington, Cliff Chaman (Bass) und Lenny White (Schlagzeug). „Happiness Heartaches“ zeigt Funk- und Latin-Einflüsse, sowie neue Klangfarben durch den Einsatz von Synthesizern und Streichersounds.

Die neuen modernen Technologien wurden von Auger allerdings sehr sparsam und vorsichtig eingesetzt: „Während der 80er Jahren experimentierte ich wie jeder andere Keyboarder, aber ich kam immer wieder zur Hammond zurück. Leider wird die B-3 nicht mehr hergestellt. Hammond wurde verkauft und die neue Firma (Anm.: Hammond-Suzuki) produzierte eine elektronische, portable Version, welche den Chorus der alten Tone-Wheel-Organs aber nicht ersetzen kann!“ (Näheres im Auger-Interview in OKEY! 46)

Während dieser Periode produzierte Auger auch Musik für die berühmte Ballettabteilung der Mailänder Scala. Mit zunehmendem Einfluss und steigender Beliebtheit der Fusion-Welle in den USA genossen Gruppen wie Chick Corea’s Return To Forever, Tony Williams’ Lifetime oder John McLaughlin’s Mahavishnu Orchestra unerhörten Erfolg. „Es war eine fantastische Zeit“, erinnert sich Auger, „ich war mit Herbie Hancock & The Headhunters, Chick Corea and Return to Forever, Earth Wind & Fire, Blue Oyster Cult, ZZ Top und den Crusaders auf Tournee, teilte mir die Charts mit Weather Report und dem Mahavishnu Orchestra! Plötzlich hatte dieses musikalische Suchen und das blinde Umherirren eine ganze Welle erstaunlicher neuer Musik hervorgebracht!“

In den USA bekam er wieder Kontakt zu Julie Driscoll, die in der Zwischenzeit den Jazzmusiker Keith Tippett geheiratet hatte. Mit ihr nahm Auger 1977 (bei Warner Brothers unter Vertrag) das Album „Encore“ auf - Jazz pur. Die Washington Post meinte: „Dieses Album ist ein unentbehrlicher Bestandteil einer jeden Jazz-Fusion-Bibliothek!“ Die erhoffte große Sensation der Reunion von Auger/Tippett blieb allerdings aus. „Encore“ enthielt lediglich interessante Neuauflagen von „Look At The Gates“ (von Al Jarreau) oder „Don’t Let Me Be Misunderstood“ (der Animals). Auch der Verkauf von „Happiness Heartaches“ blieb hinter den Erwartungen zurück. In den darauf folgenden Jahren wandte sich Brian Auger immer mehr vom Rockgeschäft ab und verbrachte zunehmend häufiger Termine in Jazzclubs. Der sensible, hochbegabte und zugleich scheue Musiker entzog sich weitgehend dem Erfolgsdruck des Musikbusiness, lebte zurückgezogen und bescheiden mit Ehefrau Ella und seinen Kindern, studierte Musik am San Francisco College. Die ständigen Tourneen und zahllosen Plattenaufnahmen hatten ihn erschöpft. 1980 wurde Brian Auger für den „Bay Area Music Award“ des B.A.M. Magazins nominiert.

Auger zur Rolle der Musik in seinem Leben: „Ich habe musiziert, seit ich drei Jahre alt war, weiter zurück kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Musik war schon immer meine Leidenschaft und meine ständige Begleiterin. Sie hat mich aus einer britischen Arbeiterfamilie wortwörtlich um die ganze Welt gebracht und durch sie habe ich die wichtigen Dinge in meinem Leben gelernt: Ausdauer, Selbstdisziplin, Spiritismus (durch die Untersuchung des Prinzips der Kreativität). Die Musik bescherte mir die höchsten Höhen, die tiefsten Abgründe und ließ mich realisieren, dass es eine Wechselbeziehung zwischen diesen Punkten gibt. Die Musik zeigte mir, dass Jedermann die Dinge im Leben tun sollte, die er liebt. Ich spreche vier Sprachen: Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Ich kann auch Spanisch lesen, aber beim Erlernen der Sprache war ich ein bisschen faul. Ich versuche in jedem Land, in dem ich mich aufhalte, wenigstens ein paar Sätze in der Landessprache zu sprechen, auch in Japan. Wir müssen unsere Prioritäten richtig setzen. Ich glaube, die Musik ist die wirkliche internationale Sprache unseres Planeten. Sie scheint alle Barrieren von Klassen und Konfessionen zu überwinden und im Mikrokosmos betrachte ich sie als die Schwingung zwischen zwei Herzen!“

Ein ganz besonderes musikalisches Bild zeichnete Auger 1981 mit dem Album „Planet Earth Calling“ (nur in Amerika beim Headfirst Label (MCA) veröffentlicht) - hier ging es erheblich experimentierfreudig zu. Der Tonträger wurde für den Grammy Award als „bestes instrumentales Rock-Album“ nominiert. „Planet Earth“ zählte zu den persönlichen Favoriten von Auger und kletterte in den Radio and Records Jazz Charts bis auf Platz 3. Auger: „Bei ‚Planet Earth’ ist mir ein Solo gelungen, wie ich es mir immer gewünscht habe. Obwohl ich seit Jahren Plattenaufnahmen mache, gelingen im Tonstudio einige Soli oft nicht so perfekt wie auf der Bühne. Wenn man für ein paar Monate ‚on the road’ ist, liefert man oft Soli ab, von denen man sich wünscht, man hätte sie auf Band festgehalten. Das Solo von ‚Planet Earth’ ist so geworden - es zeigt mich in vollem ‚Höhenflug’ an der Hammond.“

1983 kehrte Brian Auger - nach achtjähriger Abwesenheit - nach Europa zurück. Sporadisch ging Auger mit alten Freunden wie Pete York (Drums) und Colin Hodgekinson (Bass) auf Tour, war am legendären Olympic Rock & Blues Circus beteiligt. 1985 entstand mit zahlreichen versierten italienischen Musikern die Platte „Here And Now“ - ein handwerklich sauberes Album, allerdings ohne größere Überraschungsmomente. Augers instrumentaler Aufwand für „Here And Now“ war beachtlich: Hammond, Rhodes Electric Piano, Steinway Grand Piano, Fairlight Synthesizer, Roland Jupiter 8 Synthesizer, Prophet 5 Synthesizer. Aus dem gleichen Jahr stammt die im deutschen Freiburg aufgezeichnete Live-Platte „Steaming“, an der auch York und Hodgekinson beteiligt waren.

Zwischen 1984 und 1987 führten Brian Auger zahlreiche Auftritte, Tourneen nach Westdeutschland, England, Österreich, Italien, Skan­dinavien, Amerika, Kanada und in die Schweiz. In den genannten Ländern absolvierte er ungezählte Fernsehauftritte. 1987 trat er beim Montreux Jazz Festival auf, schloss 1988 die Arbeiten am Album „Keys To The Heart“ ab. Außerdem produzierte Brian ein ‚Educational Video“, das seinen Spielstil und seinen Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten erklärte. 1988 zeichnete der Süddeutsche Rundfunk, Stuttgart, die sechsteilige Fernsehserie „Super Drumming“ mit Brian Auger Seite an Seite mit Louis Bellson und Ian Pace (Deep Purple), Cozy Powell (E.L.P.), Gerry Brown (Larry Coryell/Lionel Richie), Simon Phillips (Mick Jagger), Pete York (Spencer Davis Group) und vielen anderen Musikgrößen auf.

1989 war Brian Auger dann als musikalischer Leiter, Arrangeur und Komponist für die dritte Staffel der Fernsehserie „Superdrum­ming“ tätig. Wieder kam er mit illustren Stars in Berührung: Clark Brothers (Duke Ellington, Count Basie...), Ed Thigpen (Oscar Peterson Trio), John Hiseman (Colosseum), Ian Pace (Deep Purple), Mark Brezicki (The Who) und Steve Ferrone (Eric Clapton). Im gleichen Jahr erschien ein Plattenalbum und eine CD zu den Superdrumming-Serien. In den 90er Jahren fand man Brian Auger auf zahllosen Bühnen der Jazzclubs und mittelgroßen Konzerthallen. Für das deutsche Fernsehen zeichnete er als musikalischer Leiter der 13-tei­ligen Filmserie „Villa Fantastica“ verantwortlich. Auf einer CD der Serie „Super Jam“ begleitete Auger die Sängerin Maria Muldaur am Piano.

Zusammen mit seinem alten Freund Eric Burdon rief er 1990 die Eric Burdon Brian Auger Band ins Leben und tourte durch die Vereinigten Staaten. 1991 und 1992 verzeichnete die Band bei Tourneen durch die USA, Kanada, Alaska, Mexiko, Hawaii, Japan, Deutschland, Italien, die Schweiz und die Jungferninsel große Erfolge. 1992 erschien Brian Auger in der Video-Neu­veröffenlichung „Eric Burdon - The Animals And Beyond“ und er wurde für die geplante Videobiographie der Yardbirds interviewt - Auger hatte ja beim ersten Hit der Yardbirds „For Your Love“ Cembalo gespielt. Seit 1992 bemüht sich Auger darum, alle Tonträger von Oblivion Express in CD-Form wieder zu veröffentlichen - allein 1994 wurden zehn Oblivion Express-Alben wieder auf den Markt gebracht. 1993 war Brian Auger bei Pete York’s „Superblues“ dabei und spielte in Kalifornien mit Eric Burdon die Live-Doppel-CD „Access All Areas“ ein. Am Schlagzeug saß dabei Augers Sohn Karma. Als Gastmusiker unterstütze Brian den Bluesveteranen Catfish Hodge auf dessen Tonträger „Like A Big Dog Barkin“. 1994 ging die Eric Burdon Brian Auger Band wieder auf eine ausgedehnte Welttournee.

1995 begann Brian Auger wieder mit seiner Formation Oblivion Express zu arbeiten (von der Presse manchmal als New Oblivion Express bezeichnet, um Verwechslungen mit früheren Besetzungen zu vermeiden. Näheres auch im Auger-Interview in OKEY! 46). Es folgten Auftritte in London und Europa. Die Presse bezeichnete den Tastenvirtuosen dabei als „Godfather of Acid Jazz“. 1996 begeisterte Oblivion Express das Publikum bei zwei Europa-Tourneen. 1997 steuerte Auger zwei Kompositionen zum Soundtrack des Robert Redford-Films „Casanova Fal­ling“ bei. 1998 führten Konzerte den Oblivion Express durch fünf europäische Länder, in die USA, zum Monterey Jazz Festival und zur San Diego Street Scene. Im Januar 1999 begab sich die Band ins Studio um das Album „Voices Of Other Times“ aufzuzeichnen. Die Besetzung: Brian Auger (Hammond B3, im Studio ergänzt durch Fender Rhodes E-Piano und Korg S.G. Pro X Stage Piano), Karma Auger (Drums, Percus­sion), Savannah Auger (Augers Tochter: Gesang), Chris Clermont (Gitarre), Dan Lutz (Bass) und Long John Oliva (als Gast an den Congas). Das Album enthält neben neuen Kompositionen auch einige ältere Titel („Isola Natale“, „Voices of Other Times“, „Indian Rope Man“ und „Never Gonna Come Down“). Die meisten Titel werden gesungen, aber es gibt auch reine Instrumentaltitel auf der CD (u.a. „Splatch“, „Victor’s Delight“, „Jam Side Down“).

Brian Augers Beitrag zur Entwicklung der Musik ist als beträchtlich einzustufen. Er hat eine außergewöhnlich intensive Hingabe und Widmung zur Musik demonstriert und war stets bereit, für Dinge, die er für wichtig und richtig hielt, Opfer zu bringen. Auger hat in seiner Karriere sicherlich viele Höhen und Tiefen erlebt. Heute ist er, vielleicht etwas verspätet, als einer der wichtigsten Einflüsse bei der Entwicklung neuer und aufregender musikalischer Formen anerkannt, welche auf der Fusion der zwei Elemente Pop und Jazz basieren. Augers Wertschätzung durch Kollegen ist unbestritten:

Herbie Hancock: „Brian Auger ist einer der besten B-3-Künstler, die ich jemals gehört habe. Seine Technik ist ehrfurchtgebietend, sein Energiepotential lässt nie nach. Er ist ein gewaltiges Talent mit einer wundervollen, warmen und mitfühlenden Persönlichkeit, eine Kombination, die nur schwierig zu überbieten ist!“

Eddie Harris (1995): „Brian Au­ger ist ein superber Techniker an seinem Instrument, aber er spielt auch mit Gefühl und das hat Seltenheitswert!“

Jimmy Smith: „Brian, Brian, man you’re crazy!“ (Brian, Brian, Mensch bist du verrückt!)

   
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