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Dieter Reith wurde am 25. Februar 1938 in
Mainz geboren und erhielt ab seinem 7. Lebensjahr klassischen
Klavierunterricht. Musik war in der Familie Reith nichts
Außergewöhnliches: Der Vater spielte Viola, die Mutter war Sängerin und
seine Schwester entwickelte sich zur bekannten Cellistin, musiziert im
Clara-Wieck-Trio und in der Pfälzer Philharmonie in Ludwigshafen - ein
durch und durch klassischer Familienhintergrund also. Von Anbeginn hegte
Dieter Reith den Wunsch, Berufsmusiker zu werden - allerdings erreichte er
dieses Ziel auf Umwegen: „Ich war das ‚enfant terrible’ der Familie -
alles was ich machen sollte, alles was mein Vater wollte, habe ich nicht
gemacht! Alles was ich heute kann, ist auf meinem eigenen Mist gewachsen
oder durch Zufall entstanden.“
Bereits im Alter von 16 Jahren begann Reith, im Mainzer Jazzclub
„Katakombe“ Jazz zu spielen, oft mit hervorragenden amerikanischen
Musikern, die in den 50er Jahren in der Umgebung stationiert waren, z.B.
mit Lou Rawls oder Musikern aus der 7th Army Band. Jeden Samstag war in
dem Club die Hölle los, Sessions waren angesagt. Der junge Dieter nutzte
diese häufig, gewann durch sie eine frühe und hohe musikalische Reife.
Vater Reith durfte natürlich nicht erfahren, was sein Sohn so trieb. Wenn
Dieter zu Hause alterierte Harmonien am Klavier verwendete, hagelte es
sofort Kritik: „Hör bloß auf mit der Negermusik!“ Dem Sohn war das
allerdings relativ egal, er hatte mit Klassik nicht viel im Sinn, heimlich
hörte er die Jazzsendungen auf AFN. Seine erste Schallplatte war „Fiddler’s
Boogie“ von Helmut Zacharias, die zweite ein EP von Miles Davis „A Gal in
Calico“ / „Didn’t We“, danach folgten Platten von Stan Kenton - ein
deutlicher Beleg für seine rasch voranschreitende musikalische
Entwicklung. Reith spielte niemals Dixieland etc. („...das habe ich
gehasst wie die Pest...“), er liebte den Modern Jazz und seine akustischen
Lehrmeister waren Schallplatten, Schallplatten und nochmals Schallplatten.
Auch Aufnahmen vom Orchester Kurt Edelhagen in Köln faszinierten ihn und
weckten den Wunsch, arrangieren zu können.
Nach dem Abitur begann Dieter Reith aber erst einmal Musikwissenschaft und
experimentelle Physik zu studieren, um später Tonmeister zu werden. 1961
absolvierte Dieter Reith ein Niederfrequenzpraktikum bei Siemens in
Karlsruhe und spielte während dieser Zeit oft in den Jazzclubs dieser
Region. Der Wechsel zum professionellen Musiker geschah dann eher aus
Zufall: Durch einen Musikerkollegen hörte er, dass der Südwestfunk nach
einem Pianisten für seine Bigband suchte, die zu jener Zeit von Rolf-Hans
Müller geleitet wurde. Reith setzte sich beim Vorspiel in Baden-Baden
gegen 18 weitere Kandidaten durch, obwohl dort sehr bekannte Namen
vertreten waren. Das Urteil der Jury: „Bleiben Sie gleich da!“ änderte
seine zukünftige Karriere vollkommen. Reith zurückblickend: „Ich bin froh,
dass ich diesen Sprung gewagt habe, denn ich glaube kaum, dass ich in
irgendeinem anderen Beruf glücklicher geworden wäre.“ Neben seiner
Tätigkeit als Pianist bei der Südwestfunk-Bigband musizierte er ab 1963,
ebenfalls für den SWF, für lange Zeit auch mit seiner eigenen Band „Dieter-Reith-Combo“
und schrieb Arrangements. Die Kenntnisse für gute Arrangements gewann er
durch „Learning by Doing“.
Rolf-Hans Müller und die SWF-Bigband konzertierten auch im Ausland. Das
Goethe-Institut sorgte 1966 z.B. für eine dreimonatige (!) Asientournee.
Anspannung und Anstrengung pur für alle beteiligten Musiker! Reith: „Wir
waren außer in Rot-China praktisch überall, von Kalkutta bis Thailand.“
Weitere Reisen führten das Orchester nach Mexiko und nach New York. In
früheren Jahren standen ja noch üppige Mittel für Fernsehproduktionen zur
Verfügung. Für die Aufzeichnung einer einzigen Sendung fuhr das ganze
Orchester mit der „Bremen“ nach New York und zurück! Das waren noch
Zeiten!
Rasch sprach sich Reith’s Talent herum und es dauerte nicht lange, bis der
Kontakt zu einer Plattenfirma hergestellt wurde. Reith: „Zu jener Zeit
hörte mich in Baden-Baden der Produzent Hans Georg Brunner-Schwehr, der
auf der Suche nach talentierten jungen Künstlern war. Ich war gerade 24
Jahre alt, als Brunner-Schwehr auf mich zukam und mir anbot, eine Platte
für das SABA-Label zu machen. Es entstand das Album „Piano x 4“, eine
Compilation mit vier Pianisten und deren Bands: Dieter Reith, Wolfgang
Dauner Quartett, Elsie Bianchi Trio und Ewald Heidepriem mit seiner Modern
Jazz Group Freiburg. Hinter dem Album stand die Idee, jungen und
unbekannten Musikern aus deutschsprachigen Ländern eine Plattenchance zu
bieten. Reith: „Für mein erstes Quintett holte ich mir drei
Percussionisten, die ich alle sehr gut kannte: Hermann Mutschler spielte
Timbales und war Schlagzeuger bei der SWF-Band, mit der ich ständig
auftrat; der zweite Percussionist war Kurt Bong, der früher bei Klaus
Doldinger’s Feetwarmers spielte und später als Leiter der HR-Bigband
(Hessischer Rundfunk) bekannt wurde. Schlagzeuger Charly Antolini und
Bassist Peter Witte kamen vom Orchester Erwin Lehn dazu.“ Mit Antolini und
Witte entstanden in der Folgezeit zahlreiche weitere Aufnahmen für das
MPS-Label. Reith ist von der Zusammenarbeit mit Antolini absolut
begeistert: „Für mich ist Charly einer der besten Schlagzeuger aller
Zeiten - seine Besentechnik ist absolut einzigartig und bei uns ging von
Anfang an die Post ab! Als Antolini damals von Brunner-Schwehr die Chance
für ein eigenes Album erhielt, kannten wir uns schon eine ganze Zeit,
Charly wusste, wie ich komponierte und spielte. So bat er mich, für ihn zu
schreiben. Für das Album „Drum Beat“ komponierte ich drei Titel: „Attention“,
„Yeah Man“ und „Drum Beat“, welches vielleicht der ungewöhnlichste Titel
auf der ganzen Platte war. Diese Nummer hat eine Art „Kampf-Charakter“. Am
Ende der Aufnahme-Session hatten wir auf der Platte noch etwas Zeit zur
Verfügung und so tauschten Charly Antolini und ich Ideen aus und nahmen
dann - ohne etwas aufzuschreiben - die Nummer direkt auf. Das ist der
Grund, warum der Titel so unglaublich spontan klingt und einen ganz
eigenen Charakter besitzt. Das Stück wurde übrigens auch in vielen
TV-Programmen eingesetzt.“
Viele Reith-Titel wurden erst kurz vor der Aufnahmesession komponiert oder
entstanden direkt im Studio für die jeweilige Produktion - so klangen die
Stücke stets intuitiv und frisch. Für die ergänzend verwendeten
Standardstücke schrieb Reith eigene Arrangements. Reith: „Bereits zum
Beginn meiner Zeit im SWF-Tanzorchester hatte ich schon Stücke arrangiert.
Da ich damals nicht genügend Geld hatte, um mir ein eigenes Piano leisten
zu können, musste ich mich beim Arrangieren zu Hause auf mein absolutes
Gehör verlassen. Wenn ich Musik hörte, habe ich stets versucht, sie zu
analysieren - schon als Teenager wollte ich wissen, wie die Stücke
aufgebaut und komponiert waren.“
Nur knappe zwei Monate nach „Drum Beat“ konnte Reith im August 1966 sein
erstes eigenes Album für das SABA-Label einspielen. Unter dem Titel „A
Happy Afternoon“ präsentierte er seine Trio-Formation mit Antolini und
Witte. Reith erinnert sich: „Die Aufnahmen entstanden an nur zwei
Nachmittagen und machten uns riesigen Spaß - so entstand der Albumtitel:
„Ein erfreulicher Nachmittag“. Das Album enthielt neben
Reith-Kompositionen auch Standards, z.B. „Wives And Lovers“ von Burt
Bacharach oder „Days Of Wine And Roses“ von Henry Mancini. Mit dem Namen
Mancini verbindet Dieter Reith ganz besondere Erinnerungen: „Ich war und
bin ein Bewunderer von Mancini’s Kompositionen. Ich studierte sein
Lehrbuch für Arrangeure, ein Buch mit begleitenden Schallplatten und
konnte eine Menge davon profitieren. Mancini komponierte einige
außergewöhnliche Stücke, z.B. eine Komposition für Streicher, total ohne
Geigen, nur für Violas und Celli. Daneben sind seine Filmmusiken für mich
das Werk eines Genies. Ich bin sehr glücklich, ihn persönlich
kennengelernt zu haben. Das war, als das 50jährige Bühnenjubiläum von
Caterina Valente gefeiert wurde, drei Jahre vor Mancini’s Tod. Ich schrieb
sämtliche Arrangements für die Fernsehsendung, zu der Mancini als Gast
eingeladen war. Nach der Sendung gratulierte mir Mancini zu meinen
Arrangements - es war fantastisch für mich, Komplimente von so einem
Musiker zu erhalten!“
Neben seinen musikalischen Vorbildern, den großen Pianisten jener Zeit,
wurde Dieter Reith in zunehmendem Maße auch von Organisten beeinflusst.
1962 lernte er zum ersten Mal eine Hammondorgel kennen - eine M-3 mit
Stummelpedalen und Leslie-Kabinett. Er entlockte dem unbekannten Wesen
einige Töne und verliebte sich in den Hammond-Sound. Reith: „Irgendwann
rückte die Hammond als Instrument immer mehr in mein Bewusstsein. Jimmy
Smith und Shirley Scott spielten zu jener Zeit eine große Rolle und
schließlich kam ich auf die Idee, dieses neue Instrument auch für mich
persönlich einzusetzen.“ Schnell wurde Reith deutlich, welches ungeheure
musikalische Potential die Hammond besaß. Er besorgte sich fast alle Jimmy
Smith-Platten und erwarb dann 1964 das Instrument, auf dem auch „Meister
Smith“ seine Aufnahmen gemacht hatte - eine Hammond B-3 mit zwei Leslies.
Dafür musste er zwar tief in die Tasche greifen (DM 20.000,—), Rate für
Rate „abstottern“, ohne das Engagement beim SWF wäre der Kauf gar nicht
möglich gewesen, aber der phänomenale Sound ließ ihn den hohen Kaufpreis
vergessen. Das Instrument ist noch heute in seinem Besitz, wurde
allerdings vom Fernsehen show-mäßig aufgepeppt, schwarz mit „Stahl-Outfit“
für spezielle Lichteffekte.
Reith: „Die Orgel ist für mich die Königin der Jazzinstrumente! Die
Aufnahmen für Charly Antolini’s Album ‚Drum Beat’ waren die ersten, die
ich mit der Hammond machte. Nachdem mein erstes Solo-Album ein reines
Piano-Album war, wollte ich nun eine komplette Platte mit Orgel
einspielen. Dieses Vorhaben konnte ich 1969 mit ‚Open Drive’ für das
MPS-Label von Hans Georg Brunner-Schwehr verwirklichen.“ Für „Open Drive“
scharte Dieter Reith neue Musiker um sich: Roland Wittich, einen
semi-professinellen Drummer; Eberhard Weber, den bekannten Bassisten, der
zu jener Zeit mit Wolfgang Dauner und den German Allstars spielte und den
Gitarristen Heinz Kitschenberg aus Berlin, langjähriges Mitglied der
Bigband des SFB (Sender Freies Berlin) unter der Leitung von Paul Kuhn.
Kitschenberg wechselte übrigens später nach Baden-Baden und wurde dann in
der SWF-Bigband zum Kollegen von Reith.
Anfangs tat die B-3 ihren Dienst auch für den SWF, bis dieser auf Anraten
von Reith selbst eine Hammond A-100 mit zwei Leslies beschaffte. Mit
Hubert Deuringer (Akkordeon) entstand 1965 das Album „A Magic Sound“ mit
Aufnahmen im Swing-, Beat- und Latinstil. Die Zusammenarbeit mit Deuringer
beschränkte sich jedoch nicht nur auf diese Plattenproduktion. Deuringer
hatte in jenen Jahren einen festen Produktionsetat beim SWF unter den
Slogans „Hubert Deuringer und seine Solisten“ bzw. „Das Streichorchester
Hubert Deuringer“. Reith wirkte bei beiden Formationen mit und schrieb
speziell für das Streichorchester viele Arrangements. Mit dem schwedischen
Geiger Svend Asmussen entstand in den Jahren 1965/1966 die LP „Swing With
Svend“, die neben Standards („All Of Me“, „Bye Bye Blackbird“...) auch
Kompositionen von Asmussen und Reith enthielt.
Ab 1968 spielte Dieter Reith Orgel in Peter Herbolzheimer’s Rhythm
Combination & Brass. Herbolzheimer hatte in den zurückliegenden Jahren
zahlreiche Titel für die SWF-Bigband geschrieben und wollte schließlich
eine eigene Band auf die Beine stellen. Er holte sich seine Wunschmusiker
aus aller Herren Länder, u.a. Ack van Rooyen (Trompete) und Peter Trunk (Bass),
und bereitete die erste Platteneinspielung vor. Horst Mühlbracht sollte
Congas und Hammond spielen. Als Dieter Reith dies hörte, meinte er zu
Herbolzheimer: „Warum willst du das denn machen, 2 Aufgaben für einen
Musiker, lass mich doch Orgel spielen!“ Herbolzheimer: „Ich habe aber kein
Geld für zusätzliche Musiker!“ Reith sprach: „Macht nichts!“, stieg ohne
Geld in die Band ein („...ich war damals gerade geschieden und hatte sehr
viel Zeit...“) und wurde zum festen Mitglied der Herbolzheimer-Formation.
Sämtliche Orgelsoli auf den damals entstandenen Platten der Band wurden
von ihm eingespielt. Reith: „In den ersten Jahren war das Publikum auch
wegen der Orgel wirklich scharf auf die Band. Bis dahin gab es keine
andere Bigband, die diesen elektrifizierenden Orgelsound besaß.“ Die
Zusammenarbeit von Reith und Herbolzheimer dauerte bis 1972 an.
Im Juli 1970 wurde der Tonträger „The Knut Kiesewetter Train - Stop! Watch!
And Listen!“ produziert. Dieter Reith war zugleich Organist und
musikalischer Leiter der Band, schrieb alle Arrangements. Sänger Knut
Kiesewetter war in den 60er Jahren heiß begehrt und geschätzt, hatte mit
19 Jahren einen ersten Platz auf dem deutschen Amateur-Jazzfestival in
Düsseldorf gewonnen, gewann alle deutschen Jazz-Polls - im Jazz-Echo, im
Podium im Twen..., wurde in der Folgezeit von der deutschen Jazzpresse mit
zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit mit Kiesewetter
stellte neue Anforderungen an Dieter Reith: „Natürlich hatte ich für
Radio- und Fernsehproduktionen schon mit anderen Sängern
zusammengearbeitet, aber Arrangements für ein Vokalalbum haben ganz andere
Anforderungen als solche für ein reines Instrumentalalbum.“
1971 folgte Dieter Reith der Einladung von Kurt Edelhagen, Mitglied der
WDR Bigband in Köln zu werden. Hier erhielt er die einzigartige Chance,
mit Jazzgrößen wie Stan Getz, Jean Luc Ponty, Art Farmer, Herb Geller,
Maynard Ferguson oder Toots Tielemans zusammenzuarbeiten, um nur einige zu
nennen.
1972 fanden die olympischen Sommerspiele in München statt. Dieter Reith
erhielt die Chance, zusammen mit Jerry van Rooyen und Peter Herbolzheimer
die Musik für die Eröffnungszeremonie zu schreiben. Den Auftrag dazu
erteilte das olympische Komitee. Der damalige Polizeipräsident Schreiber
hatte zuerst die Idee, die Olympiade mit bayerischer Musik zu präsentieren
- glücklicherweise kam es nicht dazu. Der Generalintendant des deutschen
Fernsehens August Everding hörte Arrangements von Reith, Herbolzheimer
und Co. und war überzeugt, dass dies die richtige Präsentation für die
Olympiade in München war. Die drei Musiker zogen also in ein Haus in
Lindlar in der Nähe von Köln und machten sich ans Werk. Jeder übernahm
einen Teilbereich, denn es sollte ja zum Einmarsch der unterschiedlichsten
Nationen jeweils eine passende Musik erklingen. Es mussten unzählige
Klangbeispiele aus allen Ländern angehört werden, um selbst landestypische
Musik schreiben zu können. Weitere, fast kuriose Vorbereitungen waren
nötig: Eine Truppe der Bundeswehr musste marschieren, um genau festlegen
zu können, wie viel Zeit jede Nation benötigen würde, um an der
Ehrentribüne vorbeizumarschieren. Über die Schrittlänge und das
Marschiertempo wurde schließlich das Grundtempo der Olympiamusik
festgelegt. Die Anzahl der Olympiateilnehmer musste ebenfalls
berücksichtigt werden - sie bestimmte die Länge des jeweiligen Musikparts.
Ausgefeilte Drumparts, mit 12 exzellenten Trommlern, dienten als zeitliche
Puffer für unvorhersehbare Verzögerungen - die Show dauerte ja schließlich
zweieinhalb Stunden, durchgehend, ohne Pause, absolute Präzisionsarbeit.
Alles ging gut, außer beim Einmarsch der Schweizer Delegation - hier
erklang versehentlich afrikanische Musik. Ein Schweizer dazu: „Was habt
Ihr denn da bei uns für eine urige Musik gespielt?...“
Das Kompositionstrio erntete viel Lob, das Projekt wurde äußerst
erfolgreich und brachte den Musikern sogar eine goldene Schallplatte ein.
Der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann zeichnete sie mit dem
„Bundesverdienstkreuz am Bande“ aus. Reith: „Der Erlös aus der Platte war
zwar ein Segen, aber als Ende 1972 der Vertrag von Edelhagen mit dem WDR
auslief, saßen wir alle auf der Straße. Wären da nicht die Tantiemen aus
den Kompositionen für die Olympiade gewesen, hätte es für mich ziemlich
grimmig ausgesehen. Zusammen mit Jerry und Peter gründete ich eine
Werbeagentur für Musik, spielte einige Alben für Intercord ein und machte
ein paar Produktionen als Studiomusiker für MPS, z.B. das Charly
Antolini-Album ‚Special Delivery’.“
1973 zog Dieter Reith nach Stuttgart und arrangiert seitdem für zahlreiche
Bigbands. In den 80er Jahren fand er Zugang zu zahlreichen
Fernsehproduktionen. Manche Leuten meinten deshalb fälschlicherweise, dass
Reith total kommerziell geworden sei. Doch mittlerweile zählt er zu den
gefragtesten Arrangeuren und Komponisten in Deutschland, kann es sich
leisten, nur die Dinge zu tun, an denen er interessiert ist. Zeitweise ist
er musikalischer Leiter der SWR-Bigband, des SWR-Rundfunkorchesters und
der HR-Bigband. Zusammen mit dem SWF-Orchester entstand die CD „Vivace“,
die lauter Reith-Kompositionen enthält. Reith leitet auch kleinere
Besetzungen und zählt zu den ersten Adressen für die Shows der deutschen
Rundfunk- und Fernsehanstalten. So schrieb er Kompositionen für deutsche
Sendungen wie „Tatort“, „Die Kette“, „Heimatgeschichten“ und „Ein Fall für
zwei“. Für die TV-Show „Verstehen Sie Spaß“ arbeitet er als musikalischer
Direktor. Durch sein weites Betätigungsfeld in unterschiedlichsten
Fernsehprogrammen wurde der Name Dieter Reith für aufmerksame
Fernsehzuschauer zu einem musikalischen Qualitätsbegriff. Die Zuschauer
kennen seinen Namen u.a. von Musik ist Trumpf, Bonsoir Catrin, European
Song Contest, Peter Alexander-Show, Vico Torriani-Show, Ein Lied geht um
die Welt, Musik für Millionen, Stars in der Manege, Verleihung des
Bayerischen Filmpreises... Die SWR-Bigband wurde in der Zwischenzeit
zusammen mit Bob Florence für den Grammy nominiert. Wenn die Band den
Preis erhält, darf man sich auf eine interessante Präsentation der Band
mit Dieter Reith in der Mai-Sendung von „Verstehen Sie Spaß?“ freuen.
In den 70er Jahren wandte sich Dieter Reith wie viele andere Musiker auch
den Synthesizern, E-Pianos etc. zu und experimentierte damit. Es
entstanden u.a. die LP „Knock Out“ und die EP „Love And Fantasy“, denen
man die Freude an elektronischen Klangexperimenten, Sweep- und
Wha-Wha-Sounds deutlich anhört. Seine Interpretationen und eigenständigen
Ideen an Orgel, Piano und Synthesizer fanden auch bei Kritikern großen
Anklang. Zusammen mit dem Jazzsänger Bill Ramsey entstanden in dieser
musikalischen Phase Mitte 1977 die Aufnahmen zu „On The Spot“, die jedoch
erst 2001 veröffentlicht wurden.
Ganz nebenbei („...man hat ja sonst nichts zu tun...“) engagiert sich
Reith, der privat gerne Dave Grusin, Chick Corea oder Jimmy Smith hört,
ehrenamtlich im Werkausschuss der GEMA, sitzt dort u.a. neben Gottfried
Böttcher, dem bekannten Boogie-Pianisten. Reith bedauert die nur in
Deutschland übliche Unterscheidung zwischen U- und E-Musik. Für ihn zählt
nur gute oder schlechte Musik, egal aus welcher Sparte.
Dieter Reith ist auch im Ausland als exzellenter Komponist und Arrangeur
bekannt. Er arbeitete u.a. für Lalo Schifrin. 2000 schrieb Reith für den
„Bayerischen Filmpreis“ ein Medley der größten Erfolge von Schifrin, das
von der SWR-Bigband gespielt wurde. Schifrin und Reith hatten sich zuvor
bei einer Besprechung in Köln kennengelernt. Nach der Sendung erreichte
Reith folgende Nachricht: „You did a great job with the arrangement of the
medley and I am glad, that the band sounded good... Bravo once again and I
hope we work together in the near future. Best regards, Lalo“ - ein hohes
Lob aus berufenem Munde.
Eigentlich könnte es sich der mittlerweile 63jährige Rentner Reith
leisten, sich endgültig zur Ruhe zu setzen - wenn da nicht die Orgel
wäre... In den letzten Jahren forderte man ihn oft auf, eine neue
Solo-Platte aufzunehmen, doch die Pläne wurden immer wieder verschoben.
Die Produktion seiner letzten Solo-Alben ‚Open Drive’ und ‚Join Us’ lag
immerhin über 20 Jahre zurück. Seither fristete Reith’s B-3 ein
Schattendasein, wurde lediglich für einige Rundfunkproduktionen
eingesetzt. Im Juni 2000 war es dann endlich soweit, Dieter Reith gab dem
steten Drängen u.a. seiner zweiten Frau Chris nach und spielte die CD „Manic
- Organic“ mit 15 exzellenten Musikerkollegen ein. Die beteiligten Musiker
kennt Reith fast alle aus seinen Bigband-Tätigkeiten; sie kommen aus der
SWR-Bigband, der WDR-Bigband, der HR-Bigband und von der Musikhochschule
Hanns Eisler in Berlin - allererste Musikersahne!
Die ersten Titel für „Manic - Organic“ hatte Reith bereits 1999
geschrieben. Reith: „Bis vor einem halben Jahr habe ich alles noch per
Hand geschrieben, alle Partituren, auch die für ‚Manic - Organic’. Ein
Kopist hat die Partituren dann auf Finale übertragen und ausgedruckt. In
letzter Zeit entstand mit der SWR-Bigband aber eine Produktion mit
verjazzten Volksliedern, an der mehrere Arrangeure beteiligt waren. Ich
habe das Projekt geleitet und alle Arrangeure bis auf zwei, zu denen auch
ich gehörte, haben dabei mit Finale gearbeitet. Das hat mich überzeugt,
ich stellte meine Arbeitsweise um und arrangiere seitdem nur noch mit
Finale. Die Präzision ist bestechend, obwohl die Arbeit länger dauert als
von Hand. Finale scheint im Moment wohl am meisten benutzt zu werden. Ich
mache mich aber auch bei Sibelius sachkundig, weil mir schon
verschiedentlich gesagt wurde, dass man damit einfacher und schneller
arbeiten kann. Ich arbeite ja mit 3 Programmen parallel auf 2
Computersystemen: Zu Hause steht ein Mac, für unterwegs habe ich einen PC.
Auf denen arbeite ich mit Finale zur Notation, Logic und Protools als
Aufnahmesystem. Mit der Aufnahmesituation bei Logic bin ich sehr
zufrieden, mit dem Notationsausdruck bin ich dagegen nicht so glücklich.
Es wäre schön, wenn bei zukünftigen Software-Updates mehr darauf geachtet
würde. Mit Logic mache ich schon sehr lange Musik, es ist für mich wie
eine Schreibmaschine geworden. Was das Arrangieren anbelangt, arbeite ich
dabei genauso intuitiv wie beim Improvisieren. Irgendwann fällt mir etwas
ein und hakt sich bei mir fest. Meist halte ich das Wichtigste schriftlich
fest und arbeite es dann aus. Ich betrachte es als Glück, dass ich quasi
auf Knopfdruck arbeiten kann. Ich muss allerdings wissen, für wen und was
ich arbeite, d.h. ich benötige zumindest ein Bild der Band, lieber ist mir
noch, wenn ich vorher mit den Musikern gesprochen habe. Ich brauche keine
Inspiration, ich mache sie mir selber.“
Die Basic Tracks der ersten Aufnahmesession von „Manic - Organic“
entstanden in Reith’s eigenem DRM-Studio in Stuttgart, die letzte Aufnahme
in diesem Studio, denn Reith hat sein Domizil in der Zwischenzeit
veräußert. Die Rhythmussektion wurde dabei komplett in einem Take
aufgezeichnet. Nachdem der Aufnahmeraum platzmäßig ziemlich knapp bemessen
war, konnten die Instrumentalbereiche nicht getrennt werden. Reith ließ
sich deshalb extra zwei extrem lange Lesliekabel anfertigen und stellte
seine Leslies einfach in die Sauna. So konnte er mit der Band einspielen
(wichtig für das Feeling) und trotzdem einige kürzere Passagen mit der
Orgel später nochmals korrigieren. Nur die Nachbarn haben sich über den
Jazzsound aus der Sauna gewundert! Als Toningenieur fungierte Manfred
Deppe, Dieter Reith’s bester Freund. Die Bläser erhielten vorab ein
Playback der Rhythmsection und die Arrangements. Eingespielt wurden die
Bläserstimmen später im Klangstudio Leyh in Sandhausen. Reith schwärmt von
der Professionalität seiner Kollegen: „Die Bläser hatten wirklich
schwierige Passagen zu bewältigen, aber sie waren optimal vorbereitet -
kein Stück musste mehr als dreimal für die Aufnahme gespielt werden!“
Besonders angetan ist er von der Zusammenarbeit mit dem Sänger Allan
Harris, dessen Stimme - eine Mischung aus Al Jarreau und Nat King Cole -
ihn fasziniert und begeistert. Harris war Reith bei Konzerten in
Deutschland und im Fernsehen aufgefallen. Nachdem der Kontakt hergestellt
war, verstanden sich die beiden Musiker auf Anhieb, schrieben sogar
gemeinsam zwei Titel für die CD: „There’s Danger In Loving You“ und „Love
Is Knocking“. Die Aufnahmen mit Harris entstanden in einer zweiten
Aufnahmesession im Mai 2001. Die einfühlsame und wandlungsfähige Stimme
von Harris harmoniert kongenial mit Reith’s Hammond.
Reiths Liebe zum Hammond-Sound und die Spielfreude der Musiker bei der
CD-Aufnahme sind für den Zuhörer fast greifbar, „Manic - Organic“ grooved
richtig soulig und funky. Bei der Erstellung des Projekts konnte Reith auf
einen reichen musikalischen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Zum einen auf
seine eigenen Wurzeln in Rock, Funk und Jazz, seine Hammond-Erfahrungen in
den 60er und 70er-Jahren und zum anderen natürlich auf seine riesigen
Erfahrungen im Bereich Komposition/Arrangement. Durch geschickte
Stimmführung meint man oft, eine ganze Bigband zu hören, obwohl die
Arrangements nur für zwei Trompeten, Posaune und zwei Saxofone geschrieben
sind. Dieter Reith präsentiert sich niemals als Imitator von Vorbildern
wie Jimmy Smith, Shirley Scott oder Lou Bennett, verfolgt stets seinen
eigenen Stil, seine eigene Linie. Die Arrangements sind auf den Punkt
gebracht, nicht überladen, mit knappen aber griffigen Improvisationen,
markanten Bläsersätzen gemäß dem Reith’schen Grundsatz für ein gutes
Arrangement: „Der Arrangeur muss die Vielfalt der Möglichkeiten einer
Besetzung kennen und sie entsprechend abwechslungsreich umsetzen.“ Obwohl
alle Titel perfekt durcharrangiert sind, gab es für die Musiker auch
genügend Freiräume.
Dieter Reith hat sich bei der Orgel zwar auch mit dem Pedal beschäftigt,
arbeitet aber bei Plattenaufnahmen etc. lieber mit einem Bassisten. „Fette
Linien“ werden jedoch schon mal mit dem Pedal unterstützt oder gedoppelt.
Großen Wert legt Reith aber auf konsequenten Einsatz des Schwellers, um
die richtigen Akzente setzen zu können und einen entsprechenden Drive zu
schaffen. Zu seiner Spielweise sagt der Organist: „Ich empfinde wie ein
Bläser, phrasiere auch so: im Grunde könnte man meine Linien auch mit
einem Tenorsax spielen. Daneben empfinde ich die Orgel auch als sehr
percussiv, man darf aber nicht wie auf einem Klavier spielen. Die Hammond
‚kitzelt’ mich immer wieder!“
„Manic - Organic“ ist wirklich aus einem Guss. Es gibt wohl nur wenige
Tonträger, die von Anfang bis Ende so voller Druck sind. Es gibt keine
Balladen, nur „Love Is Knocking“ ist etwas ruhiger gehalten. Die Bassisten
haben mit der Rhythm-Section hervorragende Arbeit geleistet, die Bläser
stehen ihnen mit ihren messerscharfen Riffs in nichts nach. Im Hintergrund
sorgt Reith zusätzlich mit einem Hohner Clavinet D6 und Wha-Wha-Pedal für
treibende Patterns. In Verbindung mit der CD-Veröffentlichung will Dieter
Reith auch wieder häufiger live auftreten. Um das Transportproblem der B-3
zu vereinfachen, sollen für die Gigs Instrumente angemietet werden. Reith
möchte auf eine elektromagnetische B-3 keinesfalls verzichten: „Die
Lautsprecherwiedergabe ist sicherlich eines der Probleme der digitalen
Hammond-Versionen und ich bin nach wie vor ein Röhren-Fan bei den Leslies,
das klingt einfach anders und viel aggressiver. Im Gegensatz zu
Organisten, wie z.B. Brian Auger, habe ich immer mit Leslie gespielt.
Außerdem stehe ich auf das Spielgefühl der B-3-Tastatur, die Tastatur ist
wirklich edel“. Konkrete Pläne zur CD-Präsentation liegen im Moment noch
nicht vor. Es stellt sich das Problem, dass vermutlich nicht alle an der
CD beteiligten Musiker für eine Tournee zu Verfügung stehen, vielleicht
müssen die Stücke für ein kleineres Ensemble umarrangiert werden.
Angepeilt werden könnten dann Gigs in Jazzclubs und natürlich die
einschlägigen Jazzfestivals. Vergleichbare Acts gibt es Moment wohl nur
wenige. Reith ist jedenfalls heiß darauf, Musik „on the road“ zu machen,
das Arrangieren hält ihn oft genug von der Praxis ab. Pläne für die
Zukunft - an Orgel und an Klavier - gibt es genug. Im Moment entsteht auch
seine Webpräsentationunter der URL www.dieter-reith.de
Und wie entspannt sich Dieter Reith außerhalb der Musik? „Mit Fernsehen.
Wenn ich abends ins Bett gehe, trinke ich immer einen Tee, setze mir den
Kopfhörer auf und spätestens nach 10 Minuten kann ich bestens schlafen.
Außerdem gibt es in Frankreich ein Bauernhaus, das wir vor 20 Jahren
wirklich günstig erworben haben. Dort verbringen wir drei bis vier Monate
im Jahr. Ich habe da alles was ich brauche, Keyboards, PC usw. und kann
herrlich entspannt arbeiten und mich natürlich auch erholen. Die Titel,
die dort entstehen, haben ein ganz anderes, eigenes Flair!“ |