Der Mozart der Popmusik

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  Steve Winwood in einem Portrait von Ralf Hoffmann
   
 

Der Engländer Steve Winwood zählt ohne Frage zu den Musikerlegenden, genießt höchste musikalische Reputation. Er singt, spielt Orgel, Piano, Keyboards, Gitarre, Bass und Mundharmonika. Seine Formationen Spencer Davis Group, Traffic oder Blind Faith sind jedem ein Begriff. Seinen Karriereweg haben zahlreiche „Star“-Musiker wie Eric Clapton, Jimi Hendrix, Spencer Davis, George Harrison, Mike Oldfield, Billy Joel, Tina Turner etc. begleitet. Im Sommer 2003 erschien sein neuestes Solo-Album „About Time“, bei dem die Orgel wieder eine zentrale Rolle spielt. Den Karriereweg Winwoods ausführlich zu schildern, würde den Rahmen der OKEY!-Titelstory bei weitem sprengen. Unser dicht gedrängter (und trotzdem recht umfangreicher) Blick auf die über 40-jährige Karriere und das neue Album belegt aber eindrucksvoll die Vitalität Winwoods. Es gibt wohl nur wenige Musiker, die über Jahrzehnte hinweg so kreativ, vielseitig und produktiv sind, wie er.

   
 

Steve Winwood wurde am 12. Mai 1948 in Handsworth/Birmingham geboren. Steve war das zweite Kind nach seinem Bruder Mervyn „Muff“ Winwood. Die Familie lebte damals in der Atlantic Road in Kingstanding. Vater Lawrence Winwood arbeitete zwar als Manager, musizierte in seiner Freizeit aber auch begeistert in einer Band. Steve’s Eltern Lilian und Lawrence ermutigten Steve, sich mit Musik zu beschäftigen und der Junge legte bald eine erstaunliche Gewandtheit an der Gitarre und am Klavier an den Tag. Er begann mit erstem Musikunterricht bei einem gewissen Mr. Waldron und sammelte im Alter von 10 Jahren erste Bühnenerfahrungen, als er zu den Auftritten seines Vaters mit durfte. 1962 begann Steve in der Band seines Bruders, bekannt als „Muff Woody Jazz Band“, zu musizieren. Im gleichen Jahr traf er erstmals mit dem Gitarristen Spencer Davis und dem Drummer Pete York zusammen. Spencer Davis, der jeden Abend im Golden Eagle Pub auftrat, lud Steve und Muff Winwood sowie Pete York ein, mit ihm zu musizieren - das „Rhythm and Blues Quartett“ formierte sich. Es arbeitete u.a. mit Manfred Mann und der Graham Bond Organization zusammen und spielte u.a. mit Memphis Slim, Jimmy Witherspoon, Champion Jack Dupree, sowie Charlie und Inez Fox.


Spencer Davis Group

Am 28. Februar 1964 trat das Quartett beim ersten Rhythm & Blues Festival in England in Birmingham auf, Seite an Seite mit den Yardbirds und Sonny Boy Williamson - Steve Winwood war noch nicht mal 16 Jahre alt! Seinem Bruder Muff (der stets im Schatten seines „kleinen“ Bruders stand) kam die Idee, die Band in „Spencer Davis Group“ umzubenennen und schon bald hatte die Band ihren ersten Nummer-Eins-Hit in den englischen Charts. Steve Winwood stach absolut aus der Band heraus - ein blasser, schüchterner, dünner Teenager, eher unscheinbar - er schien erst auf der Bühne richtig zum Leben zu erwachen. Er spielte die Orgel voller Enthusiasmus, ging mit der Lead-Gitarre wie ein alter Profi um. Obwohl so jung an Jahren, war er mit einer faszinierenden „tief schwarzen“ Stimme gesegnet. Die Presse meldete: „...die schwärzeste Stimme diesseits des Atlantiks ... ein 17-jähriger Blues Man in der traditionellen Oberliga der großen Alten...“ Wer ihn nicht live sah, konnte nicht ahnen, dass diese intensive Bluesstimme, die manchmal ein wenig an Ray Charles erinnerte, einem minderjährigen weißen Engländer gehörte. Seine Künste an den Tasten brachten ihm von der Presse den Beinamen „frühreifer Mozart der Pop-Musik“ (New York Times) ein.

1965 erschien „Their First Album“, 1966 die Alben „Second Album“, „Autumn ’66" und „I’m A Man“. „Autumn ’66" wurde oft als eine der besten Blues-LPs einer britischen Band bis dahin bezeichnet. Die Interpretationen der Blues-Klassiker waren so authentisch wie möglich - reiner Blues, ohne jeglichen Schnickschnack. Die Spencer Davis Group ging mit den Rolling Stones als eine von sechs beteiligten Bands auf Tournee und die Band spielte die Hauptrolle im Film „The Ghost Goes Gear“. Im März 1967 veröffentlichte die Spencer Davis Group die Single „Gimme Some Lovin’ „, doch Steve Winwood verließ die Band im März 1967 und auch sein Bruder Muff Winwood wandte sich anderen Aufgaben zu, während Pete York und Spencer Davis bei der Truppe blieben, die durch andere Musiker ergänzt wurde.


Traffic zum Ersten

Für Steve Winwood war mit seinem Ausstieg die Blues-Lehrzeit in einem professionellen Quartett zu Ende, er suchte nach neuen Möglichkeiten, neuen Herausforderungen. „Powerhouse“, eine Formation mit Eric Clapton, entsprach offensichtlich nicht seinen Erwartungen, denn nur 3 Monate später gründete Steve Winwood (Orgel, Gitarre, Gesang) zusammen mit seinen Freunden Jim Capaldi (Schlagzeug), Dave Mason (Gitarre, Bass) und Chris Wood (Orgel, Flöte, Saxofon) die Formation „Traffic“. Obwohl Winwood die Spencer Davis Group verlassen hatte, erschien im Juli „I’m A Man“ auf dem Plattenmarkt - der Song war bereits vor dem Ausscheiden Winwoods eingespielt worden. Im November 1967 erschien das Soundtrack-Album „Here We Go Round The Mulberry Bush“, worauf Steve Winwood sowohl mit Traffic als auch mit der Spencer Davis Group zu hören war.

Traffic ging in Klausur, zog sich monatelang in ein Landhaus in Aston-Tirrold/Berkshire zurück, um sich dann als ausgereiftes Quartett dem Publikum zu stellen. Im Dezember 1967 erschien das erste eigene Album von Traffic mit dem Titel „Mr. Fantasy“ beim Label Island Records. Musikalische Fantasie umzusetzen, das hatten sich Bandmitglieder ins Stammbuch geschrieben. Sie ließen sich dabei von der Psychadelic Music inspirieren, Winwood hatte sein Ohr stets am Puls der Zeit. Das Traffic-Repertoire umfasste Bluesnummern genauso, wie üppig ausgearbeitete Stücke. Akustikgitarren, Cembalo, Folkjazz, Flöte - alles ließ sich bei Traffic unter einen Hut bringen und Steve Winwood sorgte für die interessanten „schrägen“ Akzente, verzwickte Tempi und wirklich ausgeflippte Songtitel, wie z.B. „Shanai Noodle Factory“, „Something’s Got A Hold Of My Toe“ oder „Medicated Goo“. Traffic präsentierte sich in wechselnden Instrumentalkombinationen, manchmal spielte Winwood dank der Playbacktechnik fast alle Instrumente allein. Doch keiner der Musiker schaffte es, Traffic zu dominieren, alle Bandmitglieder hatten zu starke Persönlichkeiten.

Anfangs 1968 verließ Dave Mason zum ersten Mal Traffic und die Band spielte ihre ersten Gigs in den United States (u.a. im Filmore Weste in San Francisco) als Trio. Im Mai 1968 stieß Mason dann wieder zu Traffic und im November erschien der zweite Traffic-Longplayer „Second Album“. Außerdem veröffentlichte das Island-Label das Compilation-Album „The Best of Traffic“. Der geschäftliche Erfolg von Traffic blieb allerdings deutlich hinter den Erwartungen zurück. Es gab Spannungen und noch vor dem Erscheinen des dritten Albums zerbrach Traffic im Januar 1969, das letzte Traffic-Album „Last Exit“ wurde erst im Mai 1969 veröffentlicht.

Steve Winwood wurde es ohne eigene Band allerdings auch nicht langweilig. Bereits zu Spencer-Davis-Zeiten war er als Gastmusiker auf den Alben anderer Bands zu hören, wie z.B. bei Family’s „Scene Through The Eye Of A Lens“ / „Gypsy Woman“ (1967). Allein 1969 wirkte Winwood dann bei folgenden Produktionen mit: Spooky Tooth - „Spooky Two“, Joe Cocker - „With A Little Help From My Friends“ und „Joe Cocker!“, sowie bei Gordon Jackson’s „Thinking Back“. Das Magazin „Rolling Stone“ holte Steve Winwood sogar auf die Titelseite.


Blind Faith

Im gleichen Jahr formierte Winwood mit Eric Clapton (Gitarre), Ginger Baker (Schlagzeug) und Rick Grech (Bass) die neue Gruppe „Blind Faith“. Clapton und Baker kamen von Cream. Baker hatte nicht nur durch sein exzellentes Schlagzeugspiel und seine „Drum Battles“ Schlagzeilen gemacht, auch sein Drogenkonsum war in der Presse breitgetreten worden. Die Presse war der Meinung, dass wenn Musiker aus guten Bands zusammenspielen, einfach ein noch besseres musikalisches Ergebnis zu erwarten sein müsste. Dementsprechend wurde die neue Supergroup Blind Faith durch die Medien gepusht - was auch eine enorme Nachfrage für ein Plattenalbum zur Folge hatte.

Blind Faith begann mit einem fulminanten Start und spielte ihr Debut-Konzert am 4. Juni vor 100.000 begeisterten Leuten im Londoner Hyde Park. Bereits einen Monat später ging Blind Faith auf die erste US-Tournee und im August erschien das Album „Blind“. Die erste LP sollte jedoch zugleich auch die letzte dieser Band sein. Blind Faith konnte die (auch dank der Presse) erheblich überzogene Erwartungshaltung nicht erfüllen - besonders nicht im Live-Act auf der Bühne. Das Millionenunternehmen Blind Faith scheiterte und die Band trennte sich wieder. Die Spencer Davis Group war für Steve Winwood immer noch nicht ad acta gelegt: das Label Heavies veröffentlichte eine alte Aufnahme der Band: „Back Into My Life Again“.

Das Jahr 1970 brachte eine weitere Veränderung: Winwood gastierte in der Band „Ginger Baker’s Air Force“. Gleich im Januar spielte die Air Force zwei Live-Konzerte in England - eines in der Stadthalle von Birmingham und das andere in der legendären Royal Albert Hall in London. Im Juni erschien die erste Langspielplatte „Ginger Baker’s Air Force“.


Traffic zum Zweiten

Obwohl sich Traffic 1969 aufgelöst hatte, erschien im Juli 1970 eine neue Platte der Band: „John Barleycorn Must Die“. Das Album war ursprünglich als Soloprojekt von Winwood mit dem Titel „Mad Shadows“ geplant. Aber nachdem Winwood Jim Capaldi und Chris Wood gebeten hatte, bei den Aufnahmesessions mitzuwirken, beschloss man, das Material als Traffic-Projekt heraus zu bringen, und das zu Recht: das Album wurde zu einer der bedeutendsten Traffic-Veröffentlichungen! Das erfreuliche Nebenergebnis dieser Produktion: Traffic war auferstanden, das Album schoss in die Hitparaden, die Band war in Europa und Amerika ein gefragter Act.

Das Musikerkarussell bei Traffic drehte sich: Rick Grech übernahm 1970 den Job als Bassist bei Traffic. 1971 fand man Jim Gordon an den Drums, Rebop Kwaku Baah an den Percussioninstrumenten, Jim Capaldi war für die Percussion und den Gesang zuständig. Dave Mason kam wieder als Gitarrist zu Traffic, verließ die Band jedoch ein weiteres Mal im gleichen Jahr. Jim Capaldi zu den häufig wechselnden Besetzungen: „Solange der Kern zusammenbleibt, wird Traffic weiterbestehen!“ Das Traffic-Album „Welcome To The Canteen“ ließ die Fans scharenweise in die Plattenläden strömen. Dieses Live-Album war bei einer England-Tournee, die Traffic als Septett absolvierte, mitgeschnitten worden. Mehrere große USA- und Europatourneen belegen eindrucksvoll den Erfolg der Truppe. Traffic begeisterte gleichermaßen Publikum und Kritiker. Die New York Times schrieb: „Winwoods Songs, melodisch, jazznah und voll unvorhersehbarer Harmonien, gehören zu den Sternstunden der zeitgenössischen Popmusik.“

Steve Winwood war während der ganzen Zeit zusätzlich bei zahlreichen Fremdproduktionen ein hoch geschätzter Gastmusiker, so z.B. bei Leon Russell, McDonald And Giles, Shawn Phillips, Jimi Hendrix, Howlin’ Wolf und B.B. King. Traffic selbst veröffentlichte 1971 das Album „The Low Spark of High-Heeled Boys“ und in den USA die Single „Rock & Roll Stew, Part 1 / Part 2“. Das Jahr war allerdings nicht nur von Erfolgen gekrönt - Steve Winwood erkrankte an Bauchfellentzündung und war dem Tod sehr nahe. Gott sei Dank erholte er sich und blieb der Musikerwelt erhalten. Das Jahr 1972 war für Winwood durch zahlreiche „Side Projects“ mit Jim Capaldi, Muddy Waters, Shawn Phillips, der Bonzo Dog Doo Daa Band und mit dem London Symphony Orchestra geprägt. Nachdem Gordon und Grech Traffic verlassen hatten und David Hood (Bass) sowie Roger Hawkins (Drums) neu eingestiegen waren erschien die nächste Traffic Platte „Shootout At The Fantasy Factory“ im Februar 1973. Winwood engagierte sich darüber hinaus beim „Third World Project“, das vom Air Force-Bandmitglied Remi Kebska geführt wurde. Traffic veröffentlichte das Live-Album „On The Road“, Winwood glänzte weiterhin als Gaststar bei zahlreichen Produktionen, wobei seine Mitwirkung bei Eric Clapton’s legendärem Rainbow Concert (am 13. Januar 1973 live im Londoner Rainbow Theatre aufgezeichnet) eine besondere Erwähnung finden muss. Am 31. August 1974 absolvierte Traffic die letzte Live-Show beim Reading Festival am Ufer der Themse, im September erschien das letzte Traffic Album „When The Eagle Flies“ auf dem Markt. In jenen Jahren zählte Traffic zweifellos zu den populärsten Rockgruppen. Einflüsse von Traffic fand man selbst noch in der Musik von späten 90er-Jahre-Künstlern wie Paul Weiler, Kula Shaker etc.

Die Jahre von 1973 bis 1977 zeugen von der großen Kontaktfreude und Stilfalt Steve Winwoods. Er wirkte bei den unterschiedlichsten Produktionen, u.a. von Muddy Waters / Howlin’ Wolf, Eddie Harris, Robert Palmer, Vivian Stanshall, Rachid Bahri und bei Stomu Yamashta’s GO-Projekt mit. Für das Pariser GO-Projekt hatte der Japaner Yamashta Musiker aus unterschiedlichsten Rockmusikbereichen zusammengetrommelt: Mike Shrieve (Ex-Drummer bei Santana zu Woodstock-Zeiten), den deutschen „Synthesizer-Guru“ Klaus Schulze und eben Steve Winwood. Die Mischung aus japanischen, lateinamerikanischen, deutschen und englischen Einflüssen und Ideen ergab jede Menge neuer Ansätze und Synthesen und blieb auch bei Winwood nicht ohne Wirkung - sein Interesse an der Elektronik wuchs, die elektronischen Instrumente und der englische Tastenprofi schienen nur aufeinander gewartet zu haben, erschlossen neue Ideen und Wege.


Erste Soloprojekte

1977 fand Winwood endlich die Zeit für ein eigenes Plattenprojekt. Seinen ersten Auftritt als Solo-Artist absolvierte er in Rough Hill in den englischen Cotswolds. Im Juni des Jahres erschien sein erstes Soloalbum, schlicht betitelt „Steve Winwood“, mit Sessionmusikern eingespielt. Obwohl die Platte von den Kritikern wohlwollend gelobt wurde, blieb der große Verkaufserfolg aus. Winwood zog sich auf seinen Bauernhof zurück und wirkte bei zahlreichen Plattensessions mit. In seinem Terminkalender standen Projekte z.B. von Julie Covington, Jim Capaldi, George Harrison, Mike Oldfield, Marianne Faithfull - Steve Winwood war bei der Crème de la Crème der Popstars zu Hause.

Auch im Privatleben war ihm das Glück hold, er heiratete seine amerikanische Freundin Nicole. Ungefähr zur gleichen Zeit lernte er den Lyriker Will Jennings aus Los Angeles kennen, mit dem ihm seither eine enge berufliche und sehr kreative Zusammenarbeit verbindet. Die Bedeutung von Jennings geht weit über die bloße Anlieferung von Texten hinaus. Winwood: „Im Grunde schreibt er die Worte, ich die Musik, aber wir arbeiten eng zusammen. Manchmal schlage ich die Zeilen vor und manchmal wirkt er am endgültigen Sound mit!“ Nach dem Kauf einer 16-Spur-Tonbandmaschine aus den Basin Street Studios richtete sich Steve in einem Nebengebäude der Farm sein eigenes Studio ein. In Ruhe und ohne den Stress des Showbiz konnte er nun konsequent an seinen Ideen, seinem zukünftigen Sound und neuen LPs arbeiten. Zu Beginn der 80er Jahre konnte Steve Winwood dann zahlreiche Plattenerfolge als Solist verbuchen.

Im Dezember 1980 veröffentlichte er sein zweites Soloalbum „Arc Of A Diver“. Die LP war ein „pures“ Solo-Album, denn Winwood hatte das gesamte Material selbst eingespielt. In den darauffolgenden Wochen stieg das Album bis auf Platz 3 der Billboard Album Charts, verblieb insgesamt 43 Wochen in den Charts. Die US-Single „While You See A Chance“ / „Vacant Chair“ (1980 veröffentlicht) stieg bis auf Platz 7 in den Billboard Hot 100 Charts, verblieb 17 Wochen in der Wertung. „Arc Of A Diver“ / „Dust“ (1980 als US-Single veröffentlicht) erreichte Platz 48 der Billboard Hot 100 Charts, verbrachte 18 in den Ranglisten und kletterte bei Album Rock Charts bis auf Platz 11.

Von Sänger Adam Ant erhielt Winwood indirekt ein dickes Kompliment. Während einer Rundfunksendung über „Arc Of A Diver“ meinte Ant: „Ich weiß nicht, wer der Kerl ist, aber er hat einen tollen Saxofonisten!“ Steve durfte sich durchaus geschmeichelt fühlen, der Saxofonist war er quasi selbst, er hatte die Saxofonlinien mit einem synthetischen Klang eingespielt - offensichtlich perfekt und täuschend nah am Original. Perfekte Tasten- und Synthesizerplatten gab es natürlich auch schon vorher von anderen Interpreten, doch Winwood warf seine ganzen Erfahrungen aus den Bandjahren, die Raffinessen aus der Traffic-Zeit, sein überdurchschnittliches Gitarrenspiel, seine schwarze Soulstimme, seine Virtuosität an der Orgel und sein einzigartiges Gespür für eingängige Popmusik in die Waagschale und unterschied sich dadurch deutlich von anderen Produktionen dieser Sparte. Der Erfolg von „Arc Of A Diver“ ermöglichte es Winwood, zu jener Zeit vertragslos, die Rechte an all seinen Songs, die beim Musikverlag des Plattenlabels Island verlegt waren, zurückzuerwerben.

Der Erfolg der zweiten Soloplatte bestärkte Winwood auch darin, den begonnenen Solopfad weiterzugehen. 1982 erschien im September das nächste Winwood-Soloalbum „Talking Back To The Night“, setzte die Erfolgsserie Winwoods fort: Das Album blieb 25 Wochen in den Billboard Charts und erreichte Platz 28 als Spitzenposition. Die US-Single „Still In The Game“ / „Dust“ wurde allerdings nur eine Woche in den Billboard Hot 100 Charts verzeichnet und zwar auf Platz 47. In den Billboard Album Rock Charts war der Song erfolgreicher und gelangte bis auf Platz 8. Ein ähnliches Bild ergab sich bei der nachfolgenden US-Single „Valerie“ / „Slowdown Sundown“ (ebenfalls 1982 auf den Markt gebracht): Sie erreichte Rang 70 in den Billboard Hot 100 Charts, blieb nur 4 Wochen dort, kletterte aber in den Billboard Album Rock Charts bis auf Platz 8.

Danach rückten erst mal wieder andere Vorhaben in Winwoods Blickfeld. Neben Aufnahme-Sessions mit zahlreichen Künstlern, darunter Christine McVie und David Gilmour, ist hier vor allem die Mitwirkung beim ARMS Benefiz-Konzert 1983 zu nennen. Diese Initiative von Ronnie Lane unterstützte die Multiple-Sklerose-Forschung. In der Londoner Royal Albert Hall musizierte Steve Winwood (Gesang, Keyboard, Mandoline) in einer Allstar-Besetzung Seite an Seite mit Eric Clapton (Gitarre / Gesang), Ray Cooper (Schlagzeug / Percussion), James Hooker (Keyboard), Kenny Jones (Schlagzeug), Andy Fairweather Low (Gitarre, Keyboard und Gesang), Fernando Saunders (Bass / Gesang), Chris Stainton (Keyboard), Charlie Watts (Schlagzeug), Bill Wyman (Bass), Jeff Beck (Gitarre / Gesang), Tony Hymas (Keyboard), Ronnie Lane (Gesang), Jimmy Page (Gitarre) und Simon Phillips (Schlagzeug). Die Aufzeichnung des Benefizkonzerts erschien 1984 als Video.

Nach einer Pause von 4 Jahren erschien im Juli 1986 das nächste Soloalbum Winwoods „Back In The High Life“. Die Pause hatte nicht geschadet: Die US-Single „Higher Love“ / „And I Go“ wurde zur Nr. 1 in den Billboard Top 100 Charts, Nr. 7 in den Billboard Adult Contemporary Charts und Nr. 1 in den Billboard Album Rock Charts - ein umwerfender Erfolg. Die Nachfolge-Single „Freedom Overspill“ / „Help Me Angel“ stieg auf Platz 20 in den Billboard Top 100 Charts, auf Platz 17 in den Billboard Adult Contemporary Charts und Platz 4 in den Billboard Album Rock Charts. Privat lief es weniger glücklich für Winwood: die Ehe mit seiner Frau Nicole kriselte und 1986 wurde die Scheidung ausgesprochen. Doch auf Regen folgt bekanntlich Sonnenschein - in New York lernte er die aus Nashville stammende Eugenia Grafton kennen und heiratete sie 1987.

Winwood arbeitete wie gewohnt mit weiteren Musikersuperstars zusammen: Billy Joel (The Bridge), Tina Turner (Break Every Rule) und James Brown (Gravity). Seine eigene Karriere verlief parallel dazu äußerst erfolgreich weiter. Die US-Single „The Finer Things“ / „Night Train“ kam auf Platz 8 in den Billboard Top 100 Charts, auf Platz 1 in den Billboard Adult Contemporary Charts und auf Platz 5 in den Billboard Album Rock Charts. Danach kletterte die US-Single „Back In The High Life Again“ / „Night Train“ auf Platz 13 in den Billboard Top 100 Charts, auf Platz 1 in den Billboard Adult Contemporary Charts und auf Platz 19 in den Billboard Album Rock Charts. Soviel Erfolg blieb nicht ohne entsprechende Würdigung. 1987 wurde Steve Winwood insgesamt für sechs Grammies nominiert und gewann drei davon: „Platte des Jahres“, „Beste männliche Popgesang-Performance“ für „Higher Love“ und „Beste technische Plattenaufnahme“. Island Records veröffentlichten eine Winwood-Solosong-Compilation unter dem Titel Chronicles.

1988 wechselte Winwood vom Plattenlabel Island Records zum renommierten Label Virgin Records. Er schloss einen Vertrag über 12 Millionen Dollar und eine Tantiemen-Vereinbarung über 18 Prozent mit Virgin ab. Winwood: „Ich habe 23 Jahre lang hart gearbeitet. Ich finde, es wurde langsam Zeit für eine kleine Belohnung.“ Sein Song „While You See A Chance“ (aus dem Album „Arc Of A Diver“) gewann den „Million Play Award“. Dazu der „Rolling Stone“: „Eine feine Arbeit, deren Melodien man nie überdrüssig wird.“

Im Juni brachte Steve sein Album „Roll With It“ auf den Markt und allein 1988 kletterten drei US-Singles („Roll With It“ / „Don’t You Know The Night Can Do?“ / „Holding On“) von ihm bis auf die Nummer 1 in den verschiedenen Billboard Charts. 1989 arbeitete der Erfolgsmusiker u.a. mit den Who (Rockoper „Tommy“) und Phil Collins (But Seriously) zusammen, 1990 erschien das nächste Soloalbum mit dem Titel „Refugees Of The Heart“. Die US-Single „I Will Be Here“ (1991 veröffentlicht) erreichte in den Billboard Adult Contemporary Charts allerdings „nur“ Platz 40 und es wurde etwas ruhiger um Steve Winwood.


Traffic zum Dritten

1994 rief er, zusammen mit Jim Capaldi, die Formation Traffic wieder ins Leben und im Juli wurde das Album „Far From Home“ veröffentlicht. Traffic begeisterte das Publikum beim „Woodstock 25th Anniversary Concert“ und tourte mit „Jerry Garcia And The Grateful Dead“ bei deren letzter Tournee. Winwood zu seiner Solokarriere und zu Traffic: „Ich hatte während der Produktion der letzten Traffic-Alben den Eindruck, dass Traffic und Steve Winwood zu sehr zusammengewachsen waren. Das war der Grund, weshalb ich mich entschloss, zwei völlig eigenständige Wesen zu bilden: zum einen Traffic und zum anderen Steve Winwood ‚on his own’. Mit Traffic kann ich Dinge ausprobieren, die als Solokünstler leider nicht möglich sind. Obwohl die Arbeit mit der Band etwas weniger geworden ist, werde ich trotz meiner Solokarriere damit weitermachen. Es macht mir Spaß, mit Jim zusammenzuarbeiten und egal, ob es sich um die Musik an sich oder das Texte schreiben handelt - ich werde immer wieder von ihm und durch ihn inspiriert.“

Im März 1995 erschien die Winwood-Compilation „The Finer Things“ mit über 60 Songs auf 4 CDs und sorgte für rasante Verkaufszahlen. Erst im Juni 1997, über 30 Jahre nach dem Karrierebeginn Winwoods, erschien ein neues Soloalbum - „Junction Seven“. Der Titel kam durch verschiedene Verknüpfungen zustande: Es war Winwoods siebtes Soloalbum, die Autobahnausfahrt Junction 7 benützt Winwood um zu seinem Zuhause in Gloucestershire zu kommen und das Wort Junction (dt. Verbindungspunkt/Kreuzung) deutet auf die Verschmelzung von unterschiedlichsten Stilelemten hin. Winwood ließ sich dabei von exzellenten Gastmusikern wie Lenny Kravitz, Jim Capaldi oder Des’ree unterstützen. Bereits seit Jahren kümmerte sich Steve’s Ehefrau Eugenia um geschäftliche Angelegenheiten. Bei diesem Album trat sie zum einen als Projektmanagerin und zum anderen auch als Co-Writerin von 4 der 11 Songs in Erscheinung. Steve: „Das war das erste Mal, dass wir die Songs zusammen geschrieben haben.“ Und mit einem verschmitzten Lächeln fährt er fort: „Die Anteile an den Verlagsrechten könnten wir ja vielleicht im Bett ausarbeiten...“ Als Co-Produzent verpflichtete Winwood Narada Michael Waiden, der über einen enormen musikalischen Background, angefangen vom Mahavishnu Orchestra, über Weather Report und diffizilen Jazz bis hin zu Whitney Houston verfügte. Eines der Highlights dieses Albums ist der Track „Got To Get Back To My Baby“, aus dem Winwoods Liebe zu kubanischer Musik, zum Salsa und den damit verbundenen Rhythmen spricht. Mit den kubanischen Musikern Walfredo Reyes Jr. (Drums) und Walfredo Reyes Sen. (Timbales) kam schnell pulsierendes Latin-Feeling auf.

Im August präsentierte Winwood den U2-Song „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ beim „Seal at Songs & Vision Concert“ im legendären Wembley-Stadtion. Zu filmischen Ehren gelangte Steve 1998 bei „Blues Brothers 2000“ als Mitglied der „Lousianna Gator Boys Band“ (zusammen mit Eric Clapton, B.B. King, Bo Diddley, Dr. John, Travis Tritt, Clarence Clemons und Isaac Hayes). Für ein John-Lennon-Tribute-Album zeichnete er seine Version von „Imagine“ auf, das Album blieb jedoch bis heute unveröffentlicht. 1999 erschien das bereits im April 1996 in der Budokan Hall in Tokio aufgezeichnete Album „Live At The Budokan“ der Band Chic. Winwood hatte den Song „Stone Free“ dazu beigesteuert.

Am 4. Februar 2000 trat Steve Winwood beim NAMM - Millenium Concert zusammen mit Kenny Loggins, Ray Charles, Patti LaBelle, James Ingram, Toto, Patty Austin und Christopher Cross auf. Ein weiteres musikalisches Highlight konnte er im Juni 2002 verzeichnen. Beim Konzert „Party At The Palace“, zu Ehren des Jubiläums von Queen Elizabeth spielte er am Buckingham Palace den legendären Spencer Davis Group-Hit „Gimme Some Lovin’“. Bei verschiedenen anderen Acts saß er an der Hammondorgel: Joe Cocker („With A Little Help From My Friends“), Ray Davies („Lola“), Paul McCartney („All You Need Is Love“ und „Hey Jude“).

Nach einem Managementwechsel und der Veröffentlichung seiner eigenen Internetseite wagte Steve Winwood auch einen musikalischen Neuanfang und ging auf US-Tournee - und zwar mit einer neuen, eigenen Band, mit Jose Neto, Walfredo Reyes Jr., Randall Bramblett und Edson „Café“ DaSilva. Es entstand das Album „About Time“ - zur Präsentation führte Winwood und seine Band im Juli eine Tournee nach Japan, Europa und durch die USA. Im Oktober startete er die „Fall Tour 2003“, welche die Band durch kleinere US-Theater führte. Neben dem neuen Songmaterial hatte sich Winwood auch vorgenommen, ältere Stücke, die er bisher wenig live präsentiert hatte, für das Publikum zu spielen. Seiner legendären Band Traffic wurde im September 2003 eine besondere Ehre zu teil: sie wurde für die Zulassung zur „Rock and Roll Hall of Fame“ nominiert - die erste Nominierung dieser Formation.

Neben seinem genialen musikalischen Ruf haftet Winwood schon seit den 70ern der Ruf an, pressescheu und sehr zurückhaltend mit Auskünften über sein Schaffen zu sein, bei vielen gilt er als der „große Schweiger“. Steve widerspricht: „Ich kann mich sehr gut über alle möglichen Themen unterhalten, nur nicht über meine Musik. Ein Gemälde, eine Skulptur oder ein Song sollten doch etwas ausdrücken können, wofür es keine Worte gibt - wie soll man dann darüber reden?“

Auch nach 4 Jahrzehnten Musikkarriere strotzt Steve Winwood vor Kreativität und Elan, ist lernbegierig, präsentiert sich stets und gerne als vollendeter Multi-Instrumentalist, ist stets für Überraschungen gut, sucht fortwährend begeistert nach neuen Zielen und Herausforderungen. Er ist und bleibt einer der wichtigsten und einflussreichsten Künstler der Popularmusik. Eine Zeitungskritik brachte es auf den Punkt: „Winwoods Spaß an der Musik steckt an!“

   
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