Werner Becker - Das Chamäleon (Portrait)

zurück

   
   
  Zwischen 1974 und 1995 verkaufte er mehrere Millionen Alben und erhielt für seine Erfolge Diamant-, Platin- und Goldene Schallplatten. Der Name Anthony Ventura und seine Plattenserien wie z.B. „Je T’aime“ waren in aller Munde. Hinter dem Pseudonym Anthony Ventura verbirgt sich der Musiker, Arrangeur und Produzent Werner Becker, der viel mehr zu bieten hat als „nur“ Schmusesound. Seine Wurzeln ruhen im Deutschrock der 70er Jahre, als er bei „Randy Pie“ die Tasten bediente.

Werner Becker wurde am 4. Dezember 1943 in Celle geboren. Zur Musik gelangte er durch einen glücklichen Zufall. Die Familie Becker lebte in Harburg, einem Hamburger Stadtviertel und der Nachbar über ihnen besaß einen Flügel, den er unbedingt los werden wollte. Vater Becker ließ sich überreden und so stand plötzlich ein Konzertflügel im Kinderzimmer des Sohnes. Der sollte natürlich auch gespielt werden und so erhielt Werner Becker von seinem Nachbarn ca. zwei Jahre Klavierunterricht – quasi als Dankeschön für den Flügelkauf. Der Nachbar war übrigens kein Profimusiker, sondern ein Postbeamter, der in seiner Freizeit in der Band „Hummelquartett“ musizierte.

Werner Becker hatte zu jener Zeit keine Absichten, die Musik zum Beruf zu machen, er hatte sich zum Ziel gesetzt, Werbegrafiker zu werden. Er erlernte also den „ordentlichen“ Beruf eines Schriftsetzers bei den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“, anschließend besuchte er die Kunsthochschule in Hamburg, ließ sich zum Werbegrafiker ausbilden und übte diesen Beruf auch zwei Jahre mit einem Partner in einem werbegraphischen Atelier aus.

Trotzdem blieb die Musik stets sein treuer Begleiter. 1955, also im Alter von erst 11 Jahren, absolvierte Becker seine ersten Auftritte im „Haus der Jugend“ in Harburg mit der Band „Belcantos“, wo er Klavier und Akkordeon spielte. Werner Becker bewies große musikalische Begabung, denn so nebenbei lernte er mehr oder weniger autodidaktisch auch Gitarre, Klarinette, Saxofon und Trompete zu spielen. Letztendlich stellte sich aber doch das Klavier als Beckers favorisiertes Hauptinstrument heraus. Seine Notenkenntnisse waren zu dieser Zeit eher als rudimentär zu bezeichnen.

1956 stieg er dann beim o.a. „Hummelquartett“ ein und spielte dort Akkordeon – die Pianistenstelle war ja schon durch den Postbeamten besetzt. Ab 1963 musizierte Becker in einem Tanztrio mit Zigeunern, das sich „Melodic Telstars“ nannte, dabei kam auch eine Hammond-Chord-Orgel zum Einsatz. Das Jahr 1964 wurde dann zum Wendepunkt in Beckers beruflicher Karriere, er wandte sich voll und ganz der Musik zu und konnte Monatsengagements u.a. in Dänemark und Holland verzeichnen. Auch privat war ihm das Glück hold. 1965 heirate er Anneliese Meier und 1966 kam Tochter Bettina zur Welt. Bis Ende 1967 leistete der Musiker seinen Ersatzdienst als Krankenpfleger ab. Im gleichen Jahr stieg er bei der Gala-Band „Die Valendras“ ein, die hauptsächlich an den Wochenenden auftrat. 1968 erblickte Töchterchen Nr. 2, Janine, das Licht der Welt.

Werner Becker wollte seine Notenkenntnisse verbessern und wurde 1970 für 3 Jahre zum Mitglied der Bigband „Die Studiker“, die sowohl Swingtitel als auch Popmusik im Repertoire hatte. Da alle Stücke durcharrangiert waren, musste Becker natürlich auch die Noten beherrschen: „Das war für mich eine unheimlich gute Lehre und gleichzeitig auch der Sprung ins Arrangementgeschäft. Ich begann, meine ersten Arrangements zu schreiben, die ersten waren natürlich ziemlich chaotisch. Aber ich lernte, wie man Bläsersätze schreibt, die richtigen Lagen usw. Ich schrieb dann u.a. Arrangements aktueller Hits für die Band, alles war ‚learning by doing’. Über die Studiker kam ich auch mit der Studioszene in Berührung und hatte 1971 meine ersten Einsätze im Studio Maschen (bekannt durch Truck Stop) als Pianist und Chorsänger beim Kurt Lindenau Chor und für den Orchesterleiter Frank Valdor – alles überwiegend im Raum Hamburg. Über 4 Jahre hinweg habe ich fast nur als Studiomusiker gearbeitet, manchmal ‚rund um die Uhr’.“

Über die Studioszene lernte Werner Becker natürlich auch andere Musiker kennen, wie z.B. Dicky Tarrach (Drummer der Rattles). Tarrach hat die Idee, die Rattles nochmals aufleben zu lassen und zwar unter dem Namen „Rattle Pie & Family“. Das Projekt war nicht sehr erfolgreich aber daraus entstand die Urform der Nachfolgeband „Randy Pie“. 1972 stieg Werner Becker als zweiter Pianist (neben Bernd Schulz, ging später zu „Rudolf Rock & die Schocker“) ein, spielte das Hohner Clavinet D6 und ein Fender Rhodes Suitcase Piano. Für die Streichersätze kam eine Eminent-Orgel zum Einsatz. Becker: „Die Streichersounds dieser Orgel klangen meiner Meinung nach für die damaligen Verhältnisse zehnmal besser als die Sounds des legendären Solina-String-Ensembles. Die restlichen Sounds der Orgel haben mich nicht begeistert und sie wurden auch nicht verwendet. Allein für den Transport der Eminent-Orgel brauchten wir vier Leute.“

Bernd Wippich, der über eine hervorragende Soulstimme verfügte, viel in amerikanischen Clubs aufgetreten war und die englische Sprache bestens beherrschte, kam als Leadsänger hinzu. Ca. ein Jahr dauerte es, bis die „richtigen“ Musiker zusammen waren und bis sich ein gemeinsamer Stil herauskristallisiert hatte. Als Saxofonist stießen Jochen Petersen (später als Produzent der „Goombay Dance Band“ sehr erfolgreich) und später Jean-Jacques Kravetz (Hammond & Keyboards, bekannt durch die Formation „Frumpy“) zu Randy Pie.

Der Stil war ziemlich funky und kompliziert, eine Synthese aus verschiedenen zeitgenössischen Musikstilen, die Elemente aus Rock, Jazz und Soul feinnervig verschmolz, immer mit dem Ohr am Puls der Zeit. Insgesamt jedoch ein ungewöhnlicher Stil für eine deutsche Band, die Radiohörer vermuteten nicht nur einmal eine schwarze Band hinter dieser Musik. Durch Randy Pie erhielt die deutsche Rockmusik, von der Presse bis dato ein wenig abschätzend als „Krautrock“ tituliert, eine andere Wertschätzung. Randy Pie begeisterte das Publikum beim ersten Auftritt am 16.09.1973 in Krefeld beim „Deutschen Rock Festival“. Im gleichen Jahr erschien das erste Album „Randy Pie“ beim Polydor-Label und auch die Fachpresse war sehr angetan. Das Magazin „Sounds“ bescheinigte Randy Pie einen Stil, „der einen Detroit und Memphis Touch hat und eher an Chicagos Straßen, als an die Waterkant erinnert.“ Auch in England konnte Randy Pie auf viele Fans verweisen. Die Band ging dort auch auf Tournee, allerdings war der Name „Randy Pie“ in England als ein wenig problematisch anzusehen, denn der Bandname war eine Art unflätige Bezeichnung für das andere Geschlecht: randy = scharf, geil… In der Nähe von Glasgow mussten sie deshalb einmal unter dem Namen Sandy Pie auftreten, sonst hätte der Bürgermeister die Genehmigung verweigert.

Finanziell war Randy Pie allerdings nicht sehr erfolgreich, die Tournee reichte gerade zum Leben, die Plattenverkäufe hielten sich in Grenzen. Becker: „Für damalige Verhältnisse waren wir der Zeit wohl zu weit voraus. Auf den Festivals wurde deutlich, dass wir andere Musik machten als die damaligen Deutschrock-Bands wie z.B. King Ping Meh. Wenn wir nach einer Hardrock-Band auftraten, hatten wir immer einen etwas schweren Stand. Wir waren etwas ‚outstanding’, hatten nie den richtigen Durchbruch. Der deutsche Markt war für unsere Musik noch nicht reif! Wir hatten allerdings auch etliche sehr gute Auftritte, wo wir wirklich abgeräumt haben, z.B. zusammen mit Deep Purple – die haben wir in Hamburg in Grund und Asche gespielt! Auch in der ‚Fabrik’ und im ‚Onkel Pö’ hier in Hamburg hatten wir sensationelle Konzerte. Abgesehen vom finanziellen Erfolg hatten wir eine gute Zeit, die Bandmitglieder haben sich fantastisch verstanden und wir konnten eine Musik machen, die mir persönlich unheimlich gut lag.“

Obwohl die Plattenfirma viel Geld investierte, war der Durchbruch nicht zu erzielen. Eine Album-Produktion dauerte schon mal einen Monat, die Arrangements entstanden erst im Studio, teilweise wurden auch neue Titel erst im Studio geschrieben. Nicht unter Zeitdruck zu stehen, bedeutete für die Band eine wunderbare Gelegenheit zur intensiven Studioarbeit. Es gab Fernsehauftritte, von allen Seiten bestand „good will“ – aber es sollte wohl nicht sein. Werner Becker war bei insgesamt vier Randy Pie-Alben beteiligt. Schließlich stieg Sänger Bernd Wippich aus, wollte mehr in Richtung Blues arbeiten. Becker half noch bei der Suche nach einem neuen Sänger (Peter French) in England und verließ dann ebenfalls Randy Pie, da er sich lukrativeren Einkommensquellen zuwenden wollte. Randy Pie machte noch ein Jahr weiter und löste sich dann komplett auf.

Becker: „Von irgendetwas musste man ja leben. Ich war verheiratet, hatte zwei Kinder, auf Dauer konnte es nicht so weiter gehen. Wir hatten bei Randy Pie zwar noch ein amerikanisches Management angedacht, aber die finanziellen Forderungen war horrend hoch – zu hoch. Ich war damit nicht einverstanden und wandte mich anderen Bereichen zu!“

1986 reformierte sich Randy Pie nach fast 10jähriger Pause, um ein neues Album „Magic Ferry“ einzuspielen – das sechste Randy Pie-Album. Mit von der Partie waren etliche der ehemaligen Mitglieder: Dicky Tarrach, Tissy Thiers, Klaus Robert Kruse, Nils Tuxen, Bernd Wippich und Werner Becker. Doch auch diesmal blieb der erhoffte Durchbruch aus und Randy Pie endete heimlich, still und leise.

Parallel zu Randy Pie arbeitete Werner Becker bereits seit 1973 erfolgreich als Arrangeur u.a. für Etta Cameron („I’m A Woman“), Sylvia Vrethammar („Frei wie Wind und Wolken“) und Curd Jürgens („60 Jahre und kein bisschen weise“, Arr./Co.Produktion mit Miriam Francis, das Playback wurde mit den Mitgliedern von Randy Pie eingespielt). 1974 wurde das Orchester Anthony Ventura „geboren“ und das kam so: Bei einem Arrangierauftrag des Titels „River Deep Mountain High“ für die Band Clambake lernte Werner Becker im Studio Maschen den Produzenten Reinhard Streit kennen, der bei der RCA das Label „Golden 12“ hatte – pro Jahr entstanden 12 Produktionen. Streit besaß den richtigen Riecher für erfolgversprechende Aktionen. Im Jahr 1969 war der Skandalsong „Je t’aime…moi non plus“ von Serge Gainsbourg erschienen, ein Schmusesong, in dem die Französin Jane Birkin so lust- und hingebungsvoll stöhnte, dass der Song postwendend in Deutschland verboten wurde. Das war die beste Werbung, denn die Platten gingen unter dem Ladentisch weg wie die warmen Semmeln – Reinhard Streit war an dem Geschäft nicht unerheblich beteiligt und erkor den Song zu seinem Lieblingsstück. Gleichzeitig entstand die Idee für einen instrumentalen Schmusesound mit Hammondorgel und einem kleinen Streichorchester, ähnlich der „Je t’aime“-Aufnahme, nur das Gestöhne sollte fehlen. Also arrangierte Werner Becker den französischen Skandalsong instrumental nach – der Sound von Anthony Ventura wurde geboren.

Die Leadstimme wurde geprägt von einer Hammond B-3 (manchmal gedoppelt mit weiteren Sounds), von Piano- und E-Piano-Klängen oder von Solisten an den unterschiedlichsten Instrumenten. Das Schlagzeug war stets im Hintergrund gehalten, für eine wohldosierte Rhythmik sorgten eher die Basslinien. Abgerundet wurden die Arrangements durch sanfte Streicherklänge. Venturas Schmusesound orientierte sich nahe am Original, war stets geschmackvoll und musikalisch ausgelegt. Die dezente Unterhaltungsmusik des Orchesters war nie aufdringlich, eignete sich zum Tanzen oder für zärtliche Stunden vor dem Kamin genauso wie für die Berieselung der Kunden im Supermarkt oder als stimmiger Background bei Veranstaltungen. Die Verbindung von Hammond und Orchester begeisterte Orgelfans ebenso wie die Anhänger leichter Klassik. Durch den Einsatz von akustischen Soloinstrumenten des Orchesters wurden die Tastensounds niemals erdrückend – der Arrangeur bewies sowohl Geschmack, feinsinniges Gespür und die Beherrschung seines Handwerks.

Zum Song „Je t’aime“ gesellten sich instrumentale Versionen von bekannten Titeln der Bee Gees, der Righteous Brothers, den Beatles, von Procol Harum und so entstand das erste Anthony Ventura-Album „Je t’aime – Traum Melodien“. Die erste Platte schlug ein wie eine Bombe und war äußerst erfolgreich. Reinhard Streit hatte das richtige Gespür besessen und Werner Becker ganz offensichtlich mit seinen Arrangements den Publikumsgeschmack voll getroffen. Der Erfolg gab den Initiatoren Recht und nichts lag näher, als das Erfolgsrezept beizubehalten und weitere Alben zu produzieren. Insgesamt entstanden 10 Alben der „Je t’aime“-Serie.

Das Orchester Anthony Ventura bestand neben Werner Becker aus 16 Streichern (8 Violinen, 4 Bratschen, 3 Celli, 1 Bass), sowie diversen Solisten an Querflöte, Gitarre, Schlagzeug etc. Die Aufnahmen entstanden im Berliner Hansa-Studio (damals noch an der Berliner Mauer), dementsprechend stammten auch die Musiker aus Berlin. Beim Album „Fantastic Dance Party“ kamen auch Synthesizerklänge zum Einsatz. Becker: „Der „kleine Versuch“ mit einem Wasp und einem Prophet von Sequential Circuits … aber ich war nie der Synthie-Spezialist, die Synthesizerszene begann sich ja gerade erst zu entwickeln. Heute im Jahr 2005 sind die Synthies nicht mehr wegzudenken, aber damals übten sie noch keinen allzu großen Reiz auf mich aus.“ Die Hauptarbeit für Werner Becker bestand neben der „Tastenarbeit“ in der Erstellung der Arrangements – für das Orchester mussten detaillierte Partituren erstellt werden. Die Ventura-Alben wurden in analoger 24- oder 48-Spur-Technik aufgenommen und dann abgemischt. Becker war auch für den Mixdown und die Produktion verantwortlich. In der Regel entstand jedes Jahr ein Anthony Ventura-Album.

Die Hammond B-3 von den Ventura-Alben gehörte im übrigen dem Hansa Studio. Werner Becker selbst besitzt eine sehr alte Hammond M-2, ein Modell ohne Percussion. Er lässt dieses Instrument (mit Leslie und Fender Amplifier) zur Zeit von einem süddeutschen Spezialisten modifizieren. Becker über die Hammond: „Obwohl es klanglich sehr gute Nachbildungen der klassischen Hammond Orgel gibt, merkt man schnell, dass es keinen Ersatz für richtige Röhren gibt, wenn man vor einer ‚echten’ Hammond sitzt. Die E-Orgel, glaube ich, hat vielleicht noch im privaten Gebrauch ihren Stellenwert. Ich habe übrigens nie eine ‚Heimorgel’ besessen. Für Alleinunterhalter und Top-40-Bands gibt es heute zahlreiche Multi-Keyboards, die man wohl nicht als Orgel bezeichnen kann, da hier komplexe und komplette Arrangements abgespielt werden.“

Für das Album „20 Traum-Melodien“ gab es auch Werbung im Fernsehen und allein diese LP ging über 1 Million mal über die Theken der Plattenläden! Von solchen Umsätzen können die Instrumentalstars im Jahr 2005 nur noch träumen! Werner Becker, alias Anthony Ventura, erhielt für seine Erfolge Gold- und Platin-Schallplatten sowie eine Diamant-Platte.

Das Orchester Anthony Ventura war zunächst als reines Studioprojekt konzipiert. Durch den enormen Erfolg wuchs natürlich auch der Wunsch der Fans, das Orchester live zu sehen und zu hören und so wurde eine Tournee des Orchesters angedacht, auf die Werner Becker jedoch verzichtete, da er das Pseudonym Anthony Ventura gar nicht personifiziert haben wollte – schließlich stand er zur gleichen Zeit als Rockmusiker bei Randy Pie im Rampenlicht, was wäre das für ein Gegensatz gewesen! Letztendlich war eine Personifizierung jedoch nicht mehr zu verhindern und es gab einige Fernsehauftritte des Starorchesters, u.a. beim „Großen Preis“ mit dem unvergessenen Wim Thoelke.

Presse und Musiker zollten dem Orchester Anthony Ventura höchste Anerkennung: „Millionen hören seine Musik, aber ihn selbst kennt man kaum. Deutschlands bekanntester Unbekannter in der Schallplattenbranche lebt still und zurückgezogen am Rande des Nordheide-Dorfes Trelde. Dabei ist Anthony Ventura einer der besten Pianisten und Organisten. Und der Erfinder des Sounds, der die akustische Armee jener erfasst hat, die schon seit langem Rock und Disco nicht für das Alleinseligmachende halten. Rund fünf Millionen Schallplatten zum Träumen und Schmusen gibt es bereits. Und ein Ende dieser zärtlichen Welle ist noch gar nicht abzusehen.“ DIE WELT
„Der einstige Schriftsetzer und Werbegrafiker setzte in einer Zeit des stampfenden Disco-Rhythmus seine Trumpfkarte auf „Gefühl“. Inzwischen hat sich Anthony Venturas Soft-Sound in das Bewusstsein eines breiten Publikums gedrängt.“ DPA
„Anthony Ventura verschönt das Weihnachtsfest der Sowjetmenschen. Der Maestro der leisen Töne und sein inzwischen millionenfach beliebter Schmuse-Sound sind von der staatlichen sowjetischen Schallplattenfirma „Mezhkinga“ ausersehen, die Gabentische von 50.000 Sowjetmenschen zum Fest von „Väterchen Frost“, der sozialistischen Variante des Weihnachtsfestes, zu bereichern.“ MEDIEN-TELEGRAMM
„Sein Erfolg ist phänomenal. Er hat perfekt die Lücke ausgefüllt, die es im breiten musikalischen Spektrum noch gab. Ihm kam dabei zugute, dass hinter ihm eine fabelhafte Mannschaft steht, die ihm die Wege zum ganz großen Erfolg ebnen half.“ JAMES LAST
„Der Erfolg von Anthony Ventura ist das Ergebnis von Fleiß, Musikalität, Begeisterung und Ausdauer. Das perfekte Marketing ist das i-Tüpfelchen dieser Gleichung.“ RALPH SIEGEL
„Der Erfolg des Ventura-Sounds beim breiten Publikum erklärt sich für mich in dem Bedürfnis, vielleicht kann man auch sagen, in der Sehnsucht der Menschen, nach Harmonie in einer immer härter und lauter werdenden Welt. Anthony Ventura hat nach meiner Beurteilung dieses Bedürfnis, diese Sehnsucht, nicht nur erkannt, sonder versucht, ihr mit seiner Musik zu entsprechen.“ PETER GERLACH (ZDF, Programmleitung)

Der Medienmanager und Musikverleger Hans Rudolf Beierlein übernahm für ein Jahr die Promotiongeschäfte des Ventura-Orchesters und hatte 1980 die Idee, in Verbindung mit verschiedenen Presseorganen wie Stern, Bild Zeitung etc., das Album „Die schönsten Melodien der Welt“ zu produzieren. Die Leser der beteiligten Zeitschriften wählten in einer großen Fernsehshow zugunsten der Deutschen Krebshilfe (Vorsitzende: Mildred Scheel) jene Songs aus, die auf der Platte erscheinen sollten. Der Erfolg war so groß, dass statt einer geplanten LP gleich drei Alben veröffentlicht wurden.

Ende der 80er Jahre zog sich der Initiator des Ventura-Orchesters Reinhard Streit in den Ruhestand zurück und verkaufte den gesamten Backkatalog an das WEA-Label. Dies führte gleichzeitig auch zum vorläufigen Ende des Orchesters, denn auch die Zeiten und der Musikgeschmack hatten sich in den zurückliegenden rund 15 Jahren deutlich verändert. Dennoch gab es 1992 einen Neubeginn des Orchesters Anthony Ventura in Eigenregie von Werner Becker und in Zusammenarbeit mit dem WEA-Label. Als erstes Album erschien „Zeit für Zärtlichkeit“. WEA vertreibt auch heute noch die Anthony Ventura-Alben, u.a. auch in neu zusammengestellten Compilations. Für Polydor produzierte Ventura die Alben „Abendstille überall“ und „Silent Sound of Simon & Garfunkel“. Damit war der Markt aber ausgereizt und 1995 beendete Werner Becker das Projekt Anthony Ventura endgültig.

Parallel zum Projekt Anthony Ventura arbeitete Werner Becker weiterhin für zahlreiche nationale und internationale Künstler. 1977 versuchte er sich beim deutschen Vorentscheid zum Grand Prix de L’Eurovision als Sänger mit dem Titel „Heut bin ich arm, heut bin ich reich“, war damit aber nicht sehr erfolgreich. Der Titel landete beim Vorentscheid nur auf dem drittletzten Platz. Die Nase vorn hatte damals Joy Fleming mit „Ein Lied kann eine Brücke sein“.

Ende der 80er Jahre arbeitete Werner Becker u.a. mit Klaus und Klaus, Veronika Fischer, den Rattles, Moti Special und Nino de Angelo. In den 90er Jahren gab es gemeinsame Projekte mit Blue System (von Dieter Bohlen), Engelbert, Bonnie Tyler, Roy Black (für dessen letztes Album „Rosenzeit“), Dirk Busch, Roger Whittaker, Truck Stop, Johnny Hill und die Schürzenjäger. Namen aus dem Showbiz, die jedem geläufig sind.

Für die meisten der genannten Stars war/ist Werner Becker mehrfach als Arrangeur/Produzent tätig, mit vielen verbindet ihn eine regelmäßige Zusammenarbeit, z.B. mit Rolf Zuckowski. Ihre Kooperation startete im Jahr 1991 mit den Titeln „Gib mir Liebe“ und „So wichtig bist du auch wieder nicht“ für das Album „Nahaufnahme“ und dauert bis heute an. Jedes Jahr entstehen seither für Zuckowski mehrere Titel. Gerne erinnert sich Werner Becker an die Zuckowski-Produktion „Der kleine Tag“ – ein Hörspiel-Musical, bei dem u.a. eine Studioband, das Sinfonieorchester aus Kaiserslautern und Bill Ramsey beteiligt waren. „Der kleine Tag“, eine wunderschöne fiktive Geschichte, bei dem auch andere Autoren als Zuckowski beteiligt waren, lief äußerst erfolgreich in diversen Planetarien Deutschlands. 1998 kam Becker mit Howard Carpendale in Kontakt und war bis zum Karriereende von Carpendale als Produzent für ihn tätig.

In Bezug auf sein Tonstudio, das sich in Trelde in der Nordheide befindet, legte Werner Becker immer größten Wert auf Selbständigkeit und Unabhängigkeit, auf sein „eigenes Reich“. Deshalb kann das Studio auch nicht gemietet werden, es steht nur für Becker und dessen Kunden zur Verfügung. Das Studio ist in der Zwischenzeit als reines Keyboardstudio ausgelegt. Es gibt zwar (wohl mehr aus nostalgischen Erwägungen) noch eine alte 24-Spur-Bandmaschine, aber sie kommt nicht mehr zum Einsatz. Der Tonstudio-Alltag ist heute technisch geprägt von Mac, Pro Tools, Emagic Logic. Eine andere Arbeitsweise kommt für Becker nicht mehr in Frage, denn es geht auch um die Kompatibilität mit anderen Kollegen – meist kommen ja für das Plattenalbum eines Künstlers mehrere Arrangeure zum Einsatz. Bei der Fertigstellung des Albums können dann nicht X verschiedene Techniken zum Einsatz kommen. Nicht nur das Album und die Musik – auch die Technik muss homogen sein. Nur in den seltensten Fällen kommt noch Bandmaterial zum Einsatz.

Für das Klangmaterial steht eine ganze Anzahl von Keyboards, Synthesizern und Modulen zur Verfügung, z.B. Waldorf Q, Indigo (Weiterentwicklung des Virus), Nord Lead, Sampler wie z.B. Akai S-5000, Vintage Keys, Planet Earth, Yamaha DX-7 usw. Werner Becker sieht keine Notwendigkeit darin, ständig neue Instrumente einzusetzen: „Ich kümmere mich nicht so sehr um Neuerscheinungen, da ich viele Sounds selbst entwickelt habe. Ich investierte dafür ziemlich viel Zeit und dementsprechend groß ist auch das Klangpotential auf meinem Rechner. Externe Geräte kommen eher weniger zum Einsatz, der S-5000 ist aber regelmäßig für die Streichersätze in Verwendung. Da habe ich eine ganze Klangbibliothek und kann verschiedene Streichergruppen oder Layersounds schnell verwirklichen. Das wäre auf dem Rechner viel komplizierter. Für Hammond-Sounds verwende ich das Native Instrument Plug-in B-4.“

Im Bereich Arrangement/Produktion kommt es immer wieder zur Zusammenarbeit mit Kollegen. Seit Jahren kooperiert Werner Becker gerne mit Thorsten Brötzmann, der sich als Produzent, Keyboarder und Arrangeur zahlreicher Hits (z.B. „Daylight In Your Eyes“ von den No Angels) einen Namen gemacht hat. Brötzmann ist zwar erheblich jünger als Becker, aber gerade dadurch lassen sich im Zusammenwirken Trends etc. sehr gut beurteilen. So ist die Teamarbeit für beide Seiten interessant und ergiebig.

Letztes Jahr produzierte Becker das Peter Kraus-Album „Rock’n Roll is Back“, das im Vox-Klangstudio live mit einer Top-Besetzung (u.a. Professor Peter Weihe, Gitarre / Curt Cress, Schlagzeug) und mit „richtig alter Technik“ aufgenommen wurde, um den guten alten Rock’n-Roll-Zeiten möglichst authentisch gerecht zu werden. Mit Jeanette Biedermann und den Songs „No More Tears“ und „It’s Over Now“ gelangen Werner Becker zwei Top-Ten-Hits. Die Aufnahmen mit einem großen Orchester zum vorprogrammierten Drumarrangement fanden im Hamburger Gaga-Studio statt. Für die Carreras-Gala im vergangenen Dezember schrieb Becker ein monumentales Orchesterarrangement von „Emporio“ für das Babelsberger Sinfonieorchester. „Emporio“ stammt bekanntlich aus der Feder von Robert Bartha, der allen OKEY!-Lesern als Böhm-Organist ein Begriff sein dürfte.

Beim deutschen Vorentscheid zum Grand Prix 2005 zeichnete Becker für das Arrangement des Orange Blue-Songs „A Million Teardrops“ verantwortlich. Derzeit arbeitet er wieder für Rolf Zuckowski und für das neue Album von Matthias Reim. Zur Vorbereitung des Albums besuchte Becker Reim auf Mallorca. Dabei entstand u.a. eine tolle neue Ballade, die auf dem neuen Album zu finden sein wird. Nach der Reim-Produktion steht das neue Album für Truck Stop in Beckers Terminkalender. Die Zusammenarbeit mit der beliebtesten deutschen Country Band, den „Cowboys der Nation“, begann 1996 und dauert bis heute an. Truck Stop wurde bei der Country Award Show im MDR gerade wieder mit Preisen überhäuft.

Becker ist tief in die Country-Szene eingebunden. Produzent Bernd Jost, mit dem Becker befreundet ist, initiierte das Projekt „Country Goes Classic“. In Verbindung mit einem 30-köpfigen tschechischen Orchester und der Unterstützung von Beckers Countryband (u.a. Nils Tuxen an der Pedal-Steelguitar, Dirk Schlag an der Gitarre, Benjamin Hüllenkremer am Bass, Werner Becker am Piano plus dem Schlagzeuger von Tom Astor) kamen bekannte Countrysongs in klassischen Arrangements zur Aufführung. Als Sänger waren Gunther Emmerlich, Deborah Sasson, Tom Astor, Jonny Hill und Linda Feller mit von der Partie. Der Aufwand für dieses Projekt erwies sich schon im Vorfeld als gewaltig, für alle Songs mussten komplette Orchesterarrangements erstellt werden – ein enormer Zeit- und Kostenaufwand, ganz zu schweigen von den „Personalkosten“. Werner Becker erstellte die Arrangements, für den Notenausdruck kam die Logic-Software zum Einsatz. Becker: „Ich habe mich da ganz schön ‚reingefuchst’ und komme gut damit klar!“ Für die erste Konzertstaffel 2004 in Leipzig konnte ein Veranstalter gefunden werden, der für den gesamten Kostenrahmen aufkam. In diesem Jahr sah es schlechter aus – so faszinierend die Idee auch ist – aus Kostengründen wird das Projekt vermutlich nicht fortgeführt werden können.

Obwohl sich Werner Becker fast rund um die Uhr beruflich mit Musik beschäftigt, hat er die Lust am eigenen Musizieren nicht verloren und frönt hobbymäßig mit einer „Altherrenband“ der Countrymusik. Neben Nils Tuxen sind Benny Bendorff (ehemaliger Bassist der James Last Bigband) mit seinem Sohn Christoph, der ehemalige Truck Stop Sänger Rainer Bach an der Gitarre, Heidi Gehlert als Sängerin, eine Fiddlerin (eine Hochschullehrerin) und ein Englischlehrer an der Gitarre mit dabei. Eine edle Auswahl an Musikern also, die begeistert Countrystandards in eigenständigen Arrangements spielen, aus reinem „Spaß an der Freude“ und die höchstens ein oder zwei Konzerte pro Jahr geben. Auf der Bühne setzt Werner Becker dabei ein Piano-Modul und einen Sampler für Streicher- und Rhodessounds (selbst gesampelt) ein. Es gibt eben nichts Schöneres, als selbst Musik zu machen und das ganz ohne die Zwänge der Musikindustrie!

Zu den Plänen für die Zukunft befragt antwortet Werner Becker: „Es gibt keine Pläne – es läuft so weiter, wie es läuft! Ich bin zufrieden.“ Abseits der Musik entspannt sich der viel gefragte Musiker beim Bau eines Bauernhauses mit Fachwerk im Alleingang im Teufelsmoor im Gebiet Bremervörde. Im Moment ist das Dachgeschoss des Gebäudes in Arbeit, die Bauweise entspricht dem traditionellen Niedersachsen Haus, Maße ca. 12x28 Meter. Zur Realisierung des Gebäudes mit typischen Materialien hat Becker vier andere Häuser abgerissen und deren Bestandteile in das neue Haus integriert. Seit 1980 arbeitet Becker fast jedes Wochenende mit Begeisterung an diesem Lebenswerk: „Das ist mein Hobby, da kann ich so richtig anfassen und das bedeutet für mich Entspannung!“ Zum Haus gehört ein Gartengelände von einem Hektar. Es gibt viel zu tun – packen wir’s an!
   
  zurück